Übersicht und Navigation innerhalb des Textes:
1. Dies ist die Geschichte von Sommerland
2. Sechs Ebenen einer etwas komplexeren Motivation
2.1 Die Idylle
2.2 Der Überlebensort
2.3 Eros und Heimat
2.4 Heimat und der Platz
2.5 Das tiefenökologische Netz
2.6 Konvergenz
4. Von den Anfängen in Sommerland
6. Die inneren Bereiche von Sommerland
7. Das globale Dorf und die Weltreligion
1. Dies ist die Geschichte von Sommerland.
Jetzt, da ich beginne sie aufzuschreiben, sitze ich auf der Veranda unseres kleinen Holzhauses und lausche dem Wasserfall, der dem Auge verborgen hinter Himbeeren und lichtem Birkenwald sein leises Lied singt. Er singt von der Dauer und vom Wandel aller Dinge. Heute ist sein Lied etwas lauter, es hat geregnet und die Abendsonne bringt die letzten Tropfen an Gräsern und Bäumen zum funkeln. Ich schreibe diese Geschichte nicht allein auf, auch wenn meine Hand es tut. Der Wasserfall, der Wald, die Lichtung, auf der unsere Häuser stehen, die Abendsonne, ja das ganze Tal, in dem wir nun leben, sie schreiben mit. Neugierig was ich denn da treibe, eifrig wie Kinder teils, dann wieder bedächtig nickend, umstehen sie mich, spornen mich an, verändern mein Werk und gestalten es mit. Der alte Eichenmann hält etwas Abstand, nur hin und wieder regt er sachte eine Blätterhand in milden Sommerabendwind, als wolle er sagen : "Ja mach mal, es wird schon werden, ich weiß ja worum es geht." Ein leichter Zwiebelgeruch, Klappern und Plappern in der Küche hinter mir, die Sonne am Horizont und mein Magen, alles deutet darauf hin, das ich nun bald zum Abendessen gerufen werde. Aber wenigstens das Vorwort will ich noch schreiben, damit ihr wißt, worum es geht und nicht denkt, es ginge mir allein darum, die Bäume und Bäche um mich mit Worten und Sprache zu versehen. Nein, nein, Sommerland ist schon ein Menschenort und es waren Menschenherzen, Hirne, Hände die ihn schufen. Aber wir taten das alles von Anfang an eben nicht allein, sondern in stetem Austausch mit den Lebewesen, die schon vor uns hier wohnten. Eine Hummel brummt mir gerade jetzt etwas zu selbstgefällig am Stift vorbei, aber ich will mich nun zur Ordnung rufen und so von Sommerland erzählen, daß ihr, die ihr in den Städten lebt, mich verstehen könnt. Sommerland ist unser Dorf hier in den Bergen im Norden, ein sehr kleines zwar, aber hier gibt es alles, was wir zum Leben brauchen. Und der nächste Ort ist immerhin schon in 20 km erreichbar. Wir leben umgeben von Wald und Bächen in einem kleinen Bergtal, und wenn man dem Mühlbach folgt, erreicht man schon bald das Meer. Es ist eine geschützte Bucht, und Wasser und Land werden vom Golfstrom gewärmt. Ja, jetzt im August steht ein Schälchen neben mir mit frischen Erdbeeren und Kirschen aus unserem Garten. Heute abend liegt alles besonders friedlich da. Mit dem weißen Rauch aus den Hütten steigt auch in mir die Erinnerung empor an den alten Mythos vom Sommerland, dem Traumland, wo zufriedene Menschen in Frieden und Gerechtigkeit miteinander leben, wo kein Mangel herrscht und der Wohlstand der Gemeinschaft auf einem sehr achtsamen Umgang, ja sogar Freundschaft mit den anderen Lebewesen des Platzes beruht. Und weil es dieses Bild vom Friedensreich, von immer wiederkehrender Frische und Schönheit, vom ewigen Sommer tief in unserer Erinnerung gibt, haben wir auch unser Dorf Sommerland genannt, obwohl wir ja erst vor ein paar Jahren begonnen haben, hier zu siedeln. Nicht daß ihr nun denkt, es sei immer so ruhig und harmonisch hier wie am heutigen Abend. Nein, es liegen Jahre der Arbeit, der Auseinandersetzung, von Konflikten, Irrwegen, Krisen und Verzweiflung hinter uns. Wir sind auch noch nicht fertig mit dem Aufbau unseres Dorfes. Es ist nicht einfach ein schöner Traum, der uns nun in den Schoß gefallen wäre, nein, wir sind einen langen Weg gegangen. Einige von uns sind umgekehrt, weil sie den Glauben an das Ziel verloren haben, anderen gefiel es unterwegs so, daß sie woanders bleiben wollten. Ich kann mich noch an alle erinnern, die kamen und gingen, die ihrer Sehnsucht folgten oder die verlorengingen. Unser Weg konnte nicht ein Weg für alle sein, das wußten wir von Anfang an. Viele wollten gar nicht nach Sommerland, sie hatten andere Ziele, und es war oft ein schmerzhaftes Ringen, bis wir voneinander wußten, wohin die einzelnen tatsächlich wollten. Dreimal haben wir die Gruppe ganz auflösen und neu anfangen müssen. Einige haben diesen Prozess nicht verkraftet, aber andere haben wieder zusammengefunden und berichten von anderen, auf anderen Wegen zu anderen Orten. Heute wissen wir, daß Sommerland nicht allein existiert, es gibt immer mehr Orte dieser Art, so verschieden sie auch sein mögen, aber die Zahl derer, die wieder auf den Pfaden der Erde wandeln, wächst beständig. Ich weiß nicht, ob ich selbst den Weg nach Sommerland gefunden hätte, wenn ich vorher gewußt oder geahnt hätte, durch wieviel Arbeit, Schmerz und Irrungen er mich führen würde. Aber ich habe ihn nicht vorher gekannt, ich bin ihn gegangen,bis zu diesem stillen Sommerabend hier auf meiner Veranda beim braunen Bier und mit meinem Notizbuch. Und so kommt es, daß ich euch erzählen kann von Sommerland. Sommerland war lange ein Bild in mir, für das ich keinen Namen hatte. Aber die Leuchtkraft dieses Bildes hat mich nie verlassen, in keiner Dunkelheit. Und so leben wir nun tatsächlich hier. Und ich kann sie euch erzählen, die ganze Geschichte, von unserem Weg, wie wir zusammenkamen und wie wir den Platz gefunden und uns eingerichtet haben, denn ich war dabei, von Anfang an.
2. Sechs Ebenen einer etwas komplexeren Motivation
Für was in unserem Leben steht der Name Sommerland?
Da möchte ich zuerst mal mit einem ganz persönlichen Wunschbild anfangen, das mir Triebfeder war, und von keinem Realitätssinn, keiner Therapie oder esoterischen Lehre (es doch lediglich als Symbol für einen innerpsychisch zu leistenden Integrationsprozess anzusehen) genommen werden konnte. Nein, in einer Mischung aus jugendlichem Eifer und pedantischem Starrsinn hatte ich es darauf abgesehen, das Bild doch tatsächlich und in der Außenwelt, also materiell, zu verwirklichen.
Es ist ganz einfach:
Ich lebe zusammen mit meiner Frau, Freunden und Kindern in Holzhäusern am Waldrand. Wir leben einfach und naturverbunden, mit wenig materiellem Aufwand, viel Lust und Wärme miteinander, mit dem ganzen Ort um uns herum. Und wir gestatten uns dennoch, geistig die ganze Welt zu umfassen. Dieses persönliche Bild tauchte dann, vielleicht in abgewandelten Details aber doch sehr ähnlich bei immer mehr Menschen auf, denen ich begegnete. Und damit beginnt nun unsere gemeinsame Geschichte. Warum in kleinen Gruppen weg aus der Stadt und wieder in der Natur leben?
Neben der Idylle war Sommerland auch von Anfang an ein Überlebensort. Den meisten von uns war die Erkenntnis gemeinsam, daß das Leben wie wir es als Kinder noch gekannt hatten in dieser Form in dieser Gesellschaft in dieser Zeit so nicht weiter gehen würde. Patriarchat, Kapitalismus, Umweltzerstörung und die immer tiefer gehenden sozialen und seelischen Entkoppelungen unserer Zivilisation hatten eine Endzeit geschaffen, die mit Konsumterror, Endfremdung von allem und jedem, zunehmender Gewalt, Verrohung und Verblödung, sowie wachsender Perspektivlosigkeit ihr Haupt erhob, um die hohl gewordenen Bilder von Frieden und Ordnung unserer bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Vorfahren unwiderruflich zu verschlingen. Egal ob man die Vorstellung "die Polizei beschützt das Eigentum rechtschaffender Leute" als zu bekämpfenden Mief oder als heimlichen Wunsch gesehen hatte, diese Zeit ging zu Ende. Der Zusammenbruch der uns bekannten individuellen und sozialen Sicherheitsysteme war absehbar geworden. So sahen einige eine Art Apokalypse auf uns zukommen, die zu überleben man nun ganz konkrete Vorsorge treffen müsse. Andere sahen die kommenden Veränderungen eher als globalen Reinigungsprozess, mit dem ein neues goldenes Zeitalter eingeleitet werde. Und eine dritte Gruppe wiederum behauptet einfach, es werde sich gar nichts so grundlegend ändern, gewisse Verwerfungen habe es immer schon gegeben und früher noch viel schlimmere. Die letzteren wären wohl kaum motiviert gewesen, einen Überlebensort aufzubauen, wenn sie nicht eine Art spielerisches Vergnügen an Katastrophenprophylaxe und Vorratswirtschaft und ein eher ästhetisches Verhältnis zur Nachhaltigkeit entwickelt hätten. Unsere Stärke als Gruppe bestand in diesem Punkt darin, keine der drei Positionen zu diskriminieren, sondern die verschiedenen kreativen Kräfte der drei verschiedenen Motive zu einem gleichermaßen effektiven und unverbissenen Konzept zu vereinen, welches bei aller Vorsorge auch die Lebensqualität im Hier und Jetzt im Auge behielt. Konkret hieß das, der Ort mußte groß genug sein, um einer Gruppe von 30 bis 120 Menschen (so verschieden waren am Anfang unsere Vorstellungen von Mindest-, und Höchstzahl einer funktionsfähigen Gemeinschaft) das Zusammenleben zu ermöglichen. Er sollte dennoch bezahlbar sein, sodaß wir auch mit einer kleinen Gruppe von 6 bis 10 Menschen anfangen und das Ganze erst später ausbauen könnten. Er mußte in den Bergen liegen, mildes Klima haben, eigenes Wasser, Wald und Wildnis, Garten und Nutzland haben, sodaß wir einen Großteil unserer Lebensmittel dort notfalls selbständig produzieren könnten. Wir suchten also 5 bis 20 ha Land, möglichst abgelegen, erhöht und im Einzugsgebiet des Golfstroms. Nun waren wir nicht die einzigen und die ersten, denen solch ein Ort vorschwebte. Und einige von uns hatten auch schon Erfahrungen mit anderen Gemeinschaftsprojekten gemacht, und immer gab es dabei einen heißen Punkt, der ungelöst blieb.
Bei uns kamen also Menschen zusammen, die vom Gedanken beseelt waren, ihre Wünsche nach Heimat und nach Eros nicht mehr gegeneinander zu richten, sondern miteinander zu verbinden. Wir hatten keine klaren Vorstellungen, wie das zu bewältigen sei, aber eine Menge nützlicher Vorerfahrungen. Das bedeutete zunächstmal für die Gemeinschaft: ein Höchstmaß an Toleranz gegenüber den verschiedensten Bedürfnissen, sich sexuell zu begegnen. Und Toleranz meint hier nicht eine theoretische Akzeptanz aller möglichen Formen, sondern eine ganz praktische und tief empfundene Bereitschaft, nicht nur die eigenen Wünsche sondern auch die Bedingungen der anderen absolut zu respektieren. Das war keineswegs selbstverständlich und forderte eine Menge täglicher Bewußtseinsarbeit. Ich selbst hatte in einem Vorgängerprojekt sehr auf die Einführung der mutterrechtlichen Gruppenehe gesetzt, da ich das Monogamiedogma von Ehe und Kleinfamilie aufheben wollte. Andere hatten aus ähnlichen Gründen auf die freie Liebe gesetzt. Gemeinsam war uns nach all diesen Erfahrungen die tief empfundene Ablehnung jeder Art von erotischer Monokultur, die Anderslebende ausgrenzt, sozial vernichtet und ihrer menschlichen Heimat beraubt. Das geschieht im Namen der Ehe genauso wie unter dem Banner der freien Liebe oder unter anderen Dogmen. Wir waren uns einig, daß gerade der intime Bereich, wie Frauen und Männer miteinander umgehen, für das Scheitern oder den Erfolg einer Gemeinschaft von entscheidender Bedeutung war. Und wir hatten kein Rezept dafür, eher mehr Fragen als Antworten. Aber wir waren wach genug für das Thema und unsere Stärke als Gruppe bestand darin, einander in diesen Bereichen sehr genau zuzuhören und uns gegenseitig gleichermaßen zu fördern wie auch zu akzeptieren. Wir konnten und wollten nicht zu einem Einpunkteprojekt werden und unsere ganze Aufmerksamkeit unseren sexuellen Mustern und erotischen Umgangsformen widmen, wiewohl wir diese Ebene stets wachhielten. Wir wollten uns nicht in ein soziales Experiment begeben, das nur auf dieser Ebene kreiselte.Wir wollten eine Siedlung aufbauen, die auch praktisch und auf anderen Ebenen, die auch ökonomisch und ökologisch funktioniert. Unter Lebensqualität verstanden wir ein ganzheitliches Gemeinschaftsgeflecht unter allen Aspekten: körperlich, emotional, mental, sexuell und spirituell.
Und damit haben wir die 4. Ebene gemeinsamer Motivation erreicht. Sommerland sollte kein soziales Experiment im abgehobenen menschlichen Raum sein, sondern eine Gemeinschaft aller Lebewesen eines Ortes. Wir leben zwar als Frauen und Männer zusammen, aber auch mit Kindern, mit Tieren, Pflanzen, ja mit dem Land selbst. Nicht nur der einzelne Baum, auch der Wald oder ein Fluß, ein Berg oder eine Lichtung, die Abendsonne, die Hummel oder ein Fels gestalten den Ort mit, an dem wir leben. Die meisten von ihnen waren schon vor uns da, andere kamen mit oder nach uns auf den Platz. Aber wir alle zusammen, menschliche und nicht-menschliche Bewohner dieses Platzes prägen die Luft und das Wasser, die Stimmung und den Geist dieses Ortes. Dieser Ort ist Sommerland, nicht unsere Menschengruppe allein. Als die ersten von uns ankamen, hatten wir natürlich jeder sofort Vorstellungen von der Gestaltung des Platzes im Kopf. Und natürlich gab es auch gemeinsame ökologische Vorstellungen und Konzepte. Aber eines unserer Konzepte war eben auch, mit den anderen Lebewesen und Kräften des Platzes, ja mit dem Platz selber zu kooperieren. Wir stürzten uns also nicht gleich in Aktivitäten, sondern versuchten erstmal, den Platz wahrzunehmen. Wir ließen uns Zeit, um von den Lebewesen und dem Platz soviel wie möglich zu erfahren. Anfangs benutzten wir dazu Techniken aus dem theatralen, schamanischen und tiefenökologischen Kontext, um uns für diese Art der Komunikation zu öffnen. Heute ist es für viele von uns ganz selbstverständlich, mit Bäumen oder Tieren zu "sprechen". Es entstand eine Art Dialog zwischen der Menschengruppe und den anderen Bewohnern des Platzes. Und heute sind wir zu einer Gemeinschaft geworden. Schon wieder fliegt die Hummel um den Stift, dabei ist es eigentlich schon zu dunkel für sie. Ich zünde eine Kerze an, trinke einen Schluck Bier und halte inne, um den nächsten Satz in mir tiefer entstehen zu lassen. Ja, erst jetzt, in dieser Gemeinschaft, die das ganze Biotop umfaßt, ist Heimat für mich wieder eine dreidimensionale leuchtende Realität geworden, vorher war es nur ein Wort für das Gefühl fehlender Verbindungen. Wir haben begonnen, die Erde wieder zu bewohnen.
2.5. Das tiefenökologische Netz
Auf der nächsten Ebene begriffen wir die ökologische und politische Dimension unseres "Wohnens" auf der Erde. Natürlich ging es uns beim Aufbau von Sommerland um die Erfüllung ganz persönlicher Lebenswünsche und doch, oder gerade dadurch, traten wir ein in eine tiefere Verbindung mit der Ökologie unseres Platzes, als dies vorher ohne den Platz und nur über menschliche Vorstellungen zur Ökologie möglich war. Es ging nicht mehr darum, moralische Werte aufzubauen oder andere Normen ökologisch ausgewogener Konzepte zu erfüllen. Dadurch, daß wir unsere Gemeinschaft nicht nur weiter als auf die Menschengruppe bezogen definierten, sondern auch praktisch mit den anderen Lebewesen und Kräften dieses Ortes lebten, veränderten wir uns und den Platz. Man könnte es eine Vergrößerung des Selbst oder ein erweitertes Wir-Gefühl nennen, welches dabei entsteht. Der Geist unseres Platzes ist ein Ganzes geworden. Ähnlich wie ich einzelne Körperteile als zu mir gehörig empfinde so wird es auch immer mehr den verschiedenen Ebenen dieses Platzes gegenüber. Wenn diese Erfahrungen mehr Menschen zugänglich wären, bräuchte es keinen moralischen Imperativ mehr um ökologisches Bewußtsein aufzubauen. Tiefe Ökologie ist keine Wissenschaft mehr, die mittels systhemischen Denkens die Umwelt zu verstehen versucht, sondern ist einfach Leben mit der Natur. Und wo eine Menschengruppe achtsam einen Platz wiederbewohnt, da entsteht Liebe zu diesem Platz, die seine entseelte Vernutzung schon aus eigenstem Inneren heraus nicht zulassen kann. Ein tiefes Unbehagen entsteht gegenüber einer Kultur, die die Lebendigkeit der uns umgebenen Welt leugnet. Ähnliches mochten vielleicht die Indianer empfunden haben, als sie den Umgang der Weißen mit ihrem Land erlebten. Wir haben mit unserem Dorf eine tiefenökologische Modellsiedlung geschaffen, die nicht nur uns und diesem Platz zugute kommt, sondern wir haben damit auch ein politisches Signal gesetzt, welches zeigt, daß ein sinnlich und sinnvoll gelebtes Leben in einer Gemeinschaft von Menschen und Natur mehr Menschlichkeit, Lebendigkeit und Attraktivität ausmacht, als die Verfolgung virtueller Größen, wie zum Beispiel der Zinssteigerung. Durch den Modellcharakter von Sommerland ist uns auch die politische Dimension klargeworden, in die wir uns begeben, wenn wir beginnen einen Platz zu bewohnen, statt aussterbende Megasysteme zu reparieren. Noch sind wir global gesehen damit eine Minderheit. Aber wir sind auch Teil eines wachsenden Netzwerkes geworden. Immer mehr Orte der Erde werden von immer komplexer denkenden und empfindenden Menschen bewohnt. Die Teilnahme an diesem weltweiten Prozess der Wiederbewohnung der Erde erfüllt uns genauso mit Stolz und Befriedigung wie die Verwirklichung unserer privaten Wünsche.
Somit kommen wir zur 6. Ebene unserer komplexen Motive für den Weg
nach Sommerland,der geistig- spirituellen Ebene: für einige von uns war
ja schon bei der Benennung der tiefenökologischen Dimension von
Sommerland die Grenze des eigenen Denkens erreicht. Sich wohlfühlen auf
einem schönen Fleck Natur, O.K., aber darin eine Wiederverbindung der
Erde zu sehen? Wir konnten sie nicht mit Worten überzeugen. Der Platz
tat es. Sie erfuhren es, auch wenn sie darin zunächst einen Rückfall in
atavistische Bewußtseinsstufen befürchteten. Sie glaubten schließlich
ihrem eigenen Erleben. Andere hielten der tiefenökologischen Ebene esoterische Argumente
entgegen. Es könne doch gar nicht um die Wiedereinwohnung auf der Erde
gehen, das sei doch viel zu sehr materiell und äußerlich orientiert,
schließlich seien wir geistige Wesen, nicht von der Erde sondern von
den Sternen.
Selbstverständlich konnten wir auch sie nicht mit Argumenten
überzeugen. Ja es ging uns auch nicht darum, ein einheitliches
Menschen- oder Weltbild aufzubauen. So erklärten wir denen von den
Esoterikern, die mit uns siedeln wollten, O.K., aber selbst wenn wir
geistige Wesen und nicht von der Erde sind, dann sind wir doch hier in
der Materie und in unseren Körpern zu Gast, oder? Da sie dabei meist
freudig nickten, sagten wir ihnen, O.K., wenn wir hier also zu Besuch
sind, dann benehmen wir uns als höfliche Menschen doch auch bitte so
und behandeln alles zur Gastgeberin gehörende höchst pfleglich.
Spätestens an dieser Stelle wurde meist deutlich, daß es zur
Wiederversöhnung mit der Natur Wachheit, Liebe und ein bischen gesunden
Menschenverstand braucht, aber keine neue zentralistische
Weltanschauung, der alle zustimmen müssen. Der spezielle Weg unserer Gruppe zurück zur Erde, unser Weg nach
Sommerland, war gezeichnet von vielen Umwegen. Wir hatten keinen Guru
und keine zentrale Ideologie. Aber wir waren offen für die Beobachtung
was funktioniert und was funktioniert nicht.So wurden wir langsam zu
Spezialisten für Konvergenz. Unter Konvergenz verstanden wir die
Zusammenschau verschiedener Wege, die sich mit Heilung und
Bewußtseinserweiterung und Vertiefung befassen, Wege zur Ganzheit von
Mensch und Erde. Wir holten uns die Weisheit der verschiedensten Schulen, ohne dabei
ein festes Menschen- oder Weltbild für uns alle für verbindlich zu
erklären. Mir persönlich sind die Wege näher zur Tiefenökologie, die
von der Erfahrungsebene kommen, also magische, rituelle, schamanische
und naturreligiöse Wege. Es gibt aber auch Menschen, die über die
Kunst, verschiedene Wissenschaften, oder die Tiefenpsychologie, über
asiatische Erleuchtungswege und sogar über die Offenbahrungsreligionen
zur Tiefenökologie gefunden haben.
Im Sinne von Konvergenz kenne ich eigentlich nur ein Kriterium für die Beurteilung eines Weges:
Führt er zu mehr Wachheit und Liebe oder zu mehr Kontrolle und Macht?
Die Orte aus denen das wachsende Netzwerk besteht, mögen aus den verschiedensten Richtungen inspiriert worden sein. Und sicher hat jeder Ort und jede Gemeinschaft ihre ganz eigene Aufgabe und Funktion in der irdischen Evolution. Sommerland ist der Ort der Konvergenz, der Ort der Liebe zur Weisheit in den verschiedenen Wegen und der Liebe zur Erde in all ihren materiellen Manifestationen.
Der vom japanischen Schamanismus und Zenbuddhismus gleichermaßen beeinflußte Shintoismus sagt:
Das irdische Leben ist eine erstrebte Befriedigung für den göttlichen Geist.
"Denn das Glück ist nur ein Nebenprodukt der Funktion,
wie das Licht nur ein Nebenprodukt des elektrischen Stromes ist,
der durch die Drähte fließt.
Deshalb findet keiner das Glück, der es um seiner selbst willen sucht."
T.H. White in "Das Buch Merlin"
(Außenwelt, Zeiten, Rhytmen)
Zur Zeit leben 65 Erwachsene und fast 20 Kinder in Sommerland,
außerdem haben wir 50 Gästebetten. Unser Land umfaßt 22 ha, ein kleines
Bergtal mit einer halboffenen Lichtung, das Talinnere wird vom Wald
abgeschirmt, das Gelände dahinter besteht aus Wildnis und geht direkt
ins Gebirge über. Von dort kommt ein großer Bach, der unseren Talboden
mäandrierend durchfließt, im Dorf fast zum Fluß sich weitet und hinter
dem Dorf in einen See mündet. Er verläßt den See wieder als wilder
Bergbach und stürzt danach recht steil dem Meer entgegen. Der schmale
Streifen bis an den Strand der geschützten Bucht und das Bootshaus mit
dem Anleger dort unten gehören auch noch zu unserem Gelände. Ein paar
kleine Bäche, eine Quelle unter dem Hügel am Waldrand, einige
Fischteiche und ein Brunnen im Dorf schenken uns Wasser im Überfluß.
Wir wohnen in einfachen Holzhäusern, ein- oder zweistöckig, die nicht
zu dicht beieinander stehen. Überall dazwischen gibt es Wiesen, Weiden,
Obstbäume und Gärten, am See sogar ein Getreidefeld.
Das Zentrum bildet unser Dorfplatz am Außenrand einer Biegung des
großen Baches. Hier wächst auch eine Linde. Und hier steht unser
Gemeinschaftshaus, als einziges vierstöckig und die beiden unteren
Etagen sind aus Naturstein, die oberen aus Holz gefügt. Im Erdgeschoß
liegt dort unser Gasthof, ein großes Kaminzimmer und verschiedene
Büros. Der 1. Stock beherbergt unsere Bibliothek, einen größeren Salon,
weitere Büros, sowie Bäder und Büroräume. Darüber gibt es verschiedene
größere und kleinere Schlafzimmer. Der hintere Teil des Gebäudes geht
über in den großen Saal von 300 qm mit 200 Sitzplätzen, dahinter ist
ein kleiner stiller Raum von ca. 40 qm als Meditationsraum und an
diesem ein kleiner Turm mit einer Glocke.
Mit seinem anderen Ende berührt der Saal fast das Gästehaus, welches
wieder an das Seminarhaus anschließt. Daneben ist die Schule, das
Kinderhaus und das neue Haus für die Jugendlichen. Weitere Gebäude
schließen den Kreis, in denen verschiedene Werkstätten, Studios und
Labors untergebracht sind, an den Rückseiten liegen oft Ställe,
Schuppen und Lagerräume. Wie gesagt, außer dem Gemeinschaftshaus (und dem Turm) bleibt alles
aus Holz und nur ein- bis zweistöckig. Und hinter dem Häuserrund um den
Dorfplatz stehen die Wohnhäuser eher vereinzelt, einige sogar sehr weit
weg. In den meisten wohnen sechs bis zwölf Menschen. Es gibt ein Haus, in
dem nur Frauen wohnen und eines nur für Männer. In einem probieren acht
Leute die Gruppenehe, in einem wohnen zwei Familien zusammen, in einem
nur Paare und in einem anderen nur Singels. Es gibt auch kleinere
Hütten für zwei oder nur eine Person, davon sind die wenigsten von
festen Bewohnern bewohnt, die andern werden als Hochzeithäuser, als
zeitweilige Einsiedelei oder als Gästewohnungen benutzt.
Dann gibt es noch den Campingplatz hinter dem Haus und die
Freilichtbühne sowie unseren Ritualplatz hinter dem Saal. Ich
selber wohne zusammen mit meiner Frau und vier anderen Leuten in
einem zweistöckigen Blockhaus zwischen dem Gemeinschaftshaus und
dem
Hügel am Waldrand. Von unserer etwas erhöhten Veranda kann
man das
ganze Dorf sehen, rechts am Waldrand gluckert ein kleiner Nebenbach und
dahinter, verborgen vom Birkenwald, rauscht leise der Wasserfall eines
anderen Nebenbaches. Zur linken, Richtung Gemeinschaftshaus, stehen ein
paar alte Eichen, vor mir sehe ich Wiesen und Weiden, hinter dem Haus
ist ein Garten und dahinter die Himbeerhecke.
Wie häufig, wenn ich an den Berichten aus Sommerland schreibe, ist
es so zwischen 17 und 20 Uhr. Wir essen zur Zeit später zu Abend, da
zwei unserer Mitbewohner in der Stadt arbeiten und täglich die weite
Fahrt auf sich nehmen. Knapp die Hälfte unserer Bewohner arbeitet fest
hier im Dorf, ein gutes Drittel hat halbe oder drittel Stellen hier und
ist sonst freiberuflich tätig und nur einer hat einen Job hier und
wohnt woanders.
Ich liebe die frühen Abendstunden im späten Sommer, wenn es
nicht
mehr heiß ist und die Abendsonne alles ein wenig stiller macht.
Gerade
wollte ich über zeitliche Strukturen in Sommerland schreiben und
da
nimmt mich das zeitlose Rauschen des Wasserfalls gefangen. Ja es ist
wie mit dem Lied des Wasserfalls, ewig gleich und immer anders. Am
Anfang prallten bei uns sehr verschiedene Bedürfnisse
aufeinander. Die einen brauchten ganz viel geregelte Zeiten, um sich
wohlzufühlen, die anderen soviel Freiraum und Chaos wie
möglich. Wir
lösten das Problem nach unserer Devise, möglichst wenige,
aber
möglichst klare Regeln, und diese über lange Zeiträume
ausprobieren. Die erste Vereinbarung lautete, wir richten alle
anderen Termine an den acht Festen des Jahresrades aus. Diese
dauern bei uns je zwei bis drei Tage, an Jul fünf Tage, wir
begehen sie gemeinsam und das vier Jahre lang. Nach der Testzeit haben
wir diese Praxis zur Dauerregel erklärt und sie funktioniert
bestens. Zum Julfest haben wir kein Gästebetrieb und gehen
fünf Tage als
Gemeinschaft in Klausur. Dort wird unter anderem die Planung für
das
nächste Jahr von der Gemeinschaft beschlossen, neue Bewohner und
Kandidaten aufgenommen die KoordinatorInnen?
gewählt und ähnliche wichtige Beschlüsse gefällt.
Da im Zentrum dieser
Tage das Julritual und andere Festlichkeiten stehen, niemand sonst
andere Verpflichtungen hat, ist in dieser besonderen Zeit quasi
organisch auch die Jahreshauptversammlung unserer Genossenschaft, der
unser Dorf formal-rechtlich gehört. Ähnlich ist es an
Ostara, Lithe und Mabon. Wir kommen zur Frühlings-
und Herbst-Tag-und-Nachtgleiche sowie zur Sommersonnenwende für je
drei
Tage zusammen. Für Rituale, Beschlußfassungen, Festessen und
Tanz. Die vier anderen Jahresfeste dazwischen, Brigid, Beltane,
Lughnasad
und Samhein dauern bei uns nur je zwei Tage und sind mehr den inneren
Themen gewidmet. Auch hier gibt es Fest und Ritual, aber weniger
Beschlüsse und eher Beratungen im Plenum der
Gemeinschaft. Die klare Orientierung an diesen acht Punkten im
Jahr hat die
Gemeinschaft zusammengebracht, wie kaum etwas anderes, hat unsere
Verbindung zu unserem Platz und den Zyklen der Natur vertieft und
einzelnen wie mir, die ständig unter Zeitmangel und Terminchaos
litten,
einen soliden Grundrhytmus beschert. An den acht Festen geht es um
das Jahresrad und um die Gemeinschaft, Punkt aus!
Die zweite Vereinbarung lautete, den beiden oben genannten
Extrempositionen jeweils optimal entgegenzu-kommen, in dem wir unser
Jahr in sehr geregelte und absolut frei zu gestaltende Wochen
aufteilten. Die geregelten Wochen nennen wir Trimester und es gibt
dreimal je zehn davon im Jahr: Das Wintertrimester von Mitte
Januar bis Ende März, das
Frühlingstrimester von Mitte April bis Ende Juni und das
Herbsttrimester von Ende September bis Mitte Dezember. Mit Jul und
Ostara beginnen je drei Wochen Winter-, beziehungsweise
Frühlingspause. Und im Sommer sind von Lithe bis Mabon 16 Wochen
Sommerpause. Das heißt nun nicht, daß wir nur 30 Wochen
arbeiten und 22
Wochen im Jahr Urlaub machen. Es heißt aber, daß in den 30
Trimesterwochen vieles sehr viel geregelter und zeitlich strukturiert
abläuft und in den 22 freien Wochen mehr Strukturlosigkeit,
Flexibilität und individuelle Planung angesagt ist. Da ich im
Seminarhaus arbeite, heißt das zum Beispiel für uns,
daß
wir Blockwochen jeweils vor den Beginn der Trimesterserie legen, und
auch im Juli gerne ein paar Kompaktseminare veranstalten. An den
Wochenenden nach Ostara und Mabon finden zwei öffentliche
Konferenzen
statt, unser Frühlings- und unser Herbsttreffen. Und am Wochenende
nach
Lithe findet unsere große Sommertagung statt, mit dem Sommerfest
und
der anschließenden Sommerakademie. Also, es sind nicht 22
Wochen Urlaub, und doch hat jeder von uns
durch diese Strukturen viel mehr Freizeit und Planungssichereit
gleichermaßen als vorher. Zwei Dinge waren uns bei dieser
Entscheidung
besonders wichtig: zum einen, klare Phasen mit Gästebetrieb und
klare
Phasen ohne viel Trubel zu haben. Zum anderen, gerade die Sommerzeit
möglichst wenig mit Terminen einzuschnüren. Früher
mußte ich im Urlaub viel reisen, heute verbringe ich den
Sommer gerne zu Hause. Im Oktober arbeite ich wieder einige Wochen im
Büro im Gemeinschaftshaus. Dann genieße auch ich mal die
strengere
Struktur unserer 30 geregelten Wochen. Ich arbeite dann fünf
Stunden am
Tag im Büro von 9 bis 12 Uhr, gehe zum Lunch ins Gemeinschaftshaus
und
arbeite noch mal von 13 bis 15 Uhr. Dann ist Teezeit im Gasthof, falls
ich eine längere Mittagspause machen will gehe ich nochmal von
15.30
bis 18 Uhr ins Büro. Um 19.30 Uhr gibt es zu Hause
Abendessen. Am Freitag kommen alle zum Tee im Gasthof zusammen,
danach arbeiten
wir circa eineinhalb Stunden zusammen da, wo viele Hände gebraucht
werden. Und anschließend ist noch ein Plenum mit dem neuesten
Tratsch
aus der Gemeinde. Manchmal ist auch noch Samstagvormittag eine
gemeinsame Arbeitszeit
angesetzt. Auf jeden Fall gibt es am Sonntag um 19 Uhr eine gemeinsame
Stunde mit Vorlesungen oder anderem und danach ein gemeinsames Essen,
während sonst die meisten eher bei sich in den Wohngruppen
essen. Und da ich Koordinator des Seminarbetriebes bin, treffe ich
mich am Montag von 13 bis 15 Uhr, mit meinen MitarbeiterInnen?
und um 15.30 Uhr zur Sitzung des Koordinationsrates, der zwischen
unseren großen Versammlungen die Geschäfte regelt. Diese Zeiten, wie
auch die Zeit für Gemeinschaftsarbeit am Freitag; sowie pro Nase zwei
Stunden wöchentlich für Hausarbeit in den Wohnhäusern sind voll in die
Pläne der verschiedenen Arbeitsbereiche integriert und werden als
Arbeitsstunden angerechnet.
Aber soviel Struktur gibt es erst wieder im Herbst. Heute morgen
habe ich unseren Ziegenzüchtern beim Ausbessern eines Zaunes geholfen,
heute nachmittag mit ein paar meiner Studenten eine Bergtour für die
nächste Woche vorbereitet und dann im See gebadet. Und nun muß ich erst
mal das Schreiben einstellen, denn heute bin ich dran mit dem Kochen
des Abendessens. Und morgen gehe ich mit meiner Frau und zwei Freunden
wandern. Ich muß nur abends pünktlich zurück sein da ich dann
versprochen habe, als Kellner in unserer Kneipe auszuhelfen.
4. Von den Anfängen in Sommerland
( Abteilung 1 -3 )
Der kleine Wasserfall zu meiner Rechten singt heute leiser. Es war
lange Zeit recht trocken. Die alte Eiche zu meiner Linken steht still
und schweigt schläfrig. Die Himbeeren sind abgeerntet. Mein Sohn und
seine Freundin haben das in den letzten Tagen erledigt. Ich sitze mit
meinem Morgentee auf der Veranda und schaue auf die Weiden und
Obstbäume vor mir. Die Eberesche und die alten Haselsträucher standen schon dort, bevor
wir kamen. Es gab auch ein paar Fichten am Bach, die haben wir gefällt,
sie gehörten nicht dorthin, so sagte uns der Bach. Ja, der Platz
äußerte seine Wünsche sehr klar. Die vorigen Besitzer des Geländes
hatten das Tal gut behandelt, aber um das alte Haus, welches nun unser
Gemeinschaftshaus war, hatten sie doch ein wenig die Geister des
Platzes verstört, als sie ihrem Geschmack entsprechend die Fichtenhecke
pflanzten. Wir haben das wieder geändert, ja bis auf den Bereich, den
wir ausdrücklich als Wildnis unverändert ließen, haben wir einiges hier
an der Natur geändert. Aber wir sind nie starr nur nach unseren Plänen
vorgegangen. Es gab zu allen Eingriffen immer ausführliche Beratungen
mit den Lebewesen des Platzes. So konnten wir nicht wie beabsichtigt
den Turm auf dem kleinen Hügel am Waldrand bauen, weil der Hügel uns
unmißvertändlich klar machte, sein Gipfel sei ein Elfentanzplatz, wir
könnten ihn auch gerne nutzen, aber bitte kein Gebäude draufsetzen.
Ich trinke meinen Tee aus und muß schmunzeln bei dem Gedanken,
wie
der eine oder andere Leser nun die Stirn runzelt, bei der Vorstellung,
den Platz im Dialog mit der Natur zur gestalten. Doch es war so,
besucht uns und überzeugt euch! Heute habe ich den ganzen Tag
frei, es wird warm werden, und ich
sitze schon am Morgen hier, um von Sommerland zu berichten. Eine gute
Zeit, um das Kapitel von den Anfängen zu schreiben, von unserer
Ankunft
auf dem Platz. Es war eine spannende Begegnung: der alte Platz und
seine junge Braut, fast wie Flitterwochen. Der Platz, das Tal, war
natürlich viel älter als unsere
Menschengruppe. Wir waren acht Menschen und erst seit eineinhalb Jahren
zusammen. Der Platz hatte seit Jahren wenig Kontakt mit Menschen
gehabt. Die früheren Besitzer waren weggezogen. Und die Zeit der
landwirtschaftlichen Nutzung lag noch viel länger
zurück. Wir hatten uns intensiv vorbereitet. Wir hatten den
ersten
Visionsentwurf gemeinsam bearbeitet und uns konzeptionell
zusammengerauft. Wir hatten einiges an gemeinschaftsfördernden
Prozessen und Erfahrungen miteinander erlebt. Wir hatten eine
Genossenschaft gegründet, um den Platz gemeinsam zu erwerben. Wir
waren
zusammen gewandert, hatten Rituale zusammen entwickelt und waren
theoretisch in die Gedanken der Tiefenökologie eingestiegen. Wir
hatten
auch schon in Baumzeremonien und anderen Verfahren geübt, mit der
nichtmenschlichen Mitwelt zu kommunizieren. Es war Juni als wir
ankamen. Vier von uns konnten gleich dableiben,
die anderen vier hatten bis Oktober Zeit und würden dann erst zu
Jul
einziehen. Wir bauten Zelte auf und lagerten zehn Tage wie
flüchtige
Besucher auf dem Platz. In der Zeit entstand der aktuelle Aufbauplan
noch einmal neu. Wir hatten uns für die Anfangsphase von vier
Jahren vorgenommen, von
unseren neun geplanten großen Bereichen zuallererst drei zu
verwirklichen. Das waren erstens die äußere materielle
Gestaltung des
Platzes und der Bau der ersten Gebäude, dann die Anlage von
Gärten,
Weiden, Obstbäumen und ähnlichem und schließlich eine
ausreichende
Basis, um auch unseren Freunden mit Kindern den Zuzug zu
ermöglichen,
das heißt ein Haus für die Kinder und möglichst bald
eine Grundschule
(Leute und Konzept für eine freie Schule hatten wir bereits, nun
mußte
Kontakt zum Umfeld aufgenommen werden). Allein für den ersten
Bereich hätten wir gut zwei dutzend Fachleute
gebraucht, die sich mit Geomantie, Landschaftsgestaltung, Wald-,
Wasser- und Forstwirtschaft, Tief- und Straßenbau, Kanalisation,
alternativen Energieverfahren, Heizungsbau, Kläranlagen,
Kompostierung,
Recycling, Holzbauweise, Naturstein und Zement, Sanitäranlagen,
Elektro- und Metallarbeiten, Architektur, Tischlerei und Dachdeckerei
auskannten. Heute haben wir in dem Bereich die Experten für
das alles, aber
damals waren wir auf die Hilfe unserer Freunde angewiesen, und die
kamen und zwar gerne. Ende Juli war unser erstes Workcamp mit
Gästen. Zehn Tage vorher kam
die Bauleitung angereist. Zwei aus der Siedlerkerngruppe kannten sich
mit Landschaftsarchitektur und Sanitäranlagen aus. Außerdem
hatten wir
fünf weitere Genossenschafter, die nicht selber gleich mit
einziehen
wollten, aber den Aufbau mitgestalteten. Darunter eine Architektin, ein
Schreinermeister und ein Holzhäuserbauer, der den Aufbau unseres
Dorfes
später für seine Firma vermarkten wollte. Neben diesen
und uns kamen zum ersten Aufbaucamp noch insgesamt fast
20 weitere Freunde und Helfer. Es dauerte sechs Wochen und ging dann in
kleinerer Besetzung noch bis Oktober weiter. Die Leute bezahlten ihre
eigene Anreise und brachten eigene Zelte mit. Wir, die wir nicht direkt
zur Bauleitung zählten, verpflegten sie umsonst, sorgten für
ein paar
echte freie Tage und gestalteten ein Rahmenprogramm, in dem es um
Naturerfahrung, Kommunikation mit den nichtmenschlichen Lebewesen,
Ausflüge in die Berge, Einführung in die Tiefenökologie,
Gemeinschaftserfahrungen und die Grundlagen des Konzeptes von
Sommerland ging. Es war ein unvergeßlicher Sommer, dieser
erste in Sommerland. Man
merkte es auch der Natur um uns an, wie sie frohlockte. Nie zuvor war
eine Gruppe von Menschen diesem Tal so bewußt, behutsam und
liebevoll
begegnet. Natürlich gab es auch Reibungen und Verwirrnis bei
so viel neuen
Leuten auf einen Platz. Aber wir als Kerngruppe waren gut vorbereitet
und entschlossen, die Leitung des sensiblen Prozesses in der Hand zu
behalten.Als die anderen das merkten, hatte auch kaum jemand Probleme,
uns als Autorität hier anzuerkennen. Am Ende des Sommers
wollte die Hälfte der Workcampgäste am liebsten
sofort bleiben oder im nächsten Frühjahr einziehen. Sieben
kamen dann
tatsächlich. Heute wohnen zwei drittel der damaligen Teilnehmer
fest
auf dem Platz. Doch zunächst wurde es stiller im Herbst,
einzelne Fachleute, teils
auch gegen Bezahlung, reisten an, vereinzelte Bautätigkeiten
liefen
weiter. Und zwei von uns reisten in der Nachbarschaft herum und
knüpften Verbindungen. Am Ende des Jahres war das alte
große Haus, was wir vorgefunden
hatten, fertig umgebaut und renoviert, drei kleinere alte Hütten
waren
als Werkstätten fertiggestellt, eine als Wohnhaus neu gestaltet
und
eine weitere abgerissen worden. Das Kinderhaus und das Gästehaus
waren
neu errichtet und im Rohbau fertig. Zum Julfest und unserer ersten
Gemeinschaftsklausur in Sommerland
(damals noch mit Gästen) waren wir gut zwei dutzend Menschen. Dann
waren wir im Winter wieder alleine, schmiedeten Pläne, arbeiteten
an
Details oder fuhren auch jeweils für ein paar Wochen in die Stadt,
um
dort zu arbeiten und Geld zu verdienen. Im April des zweiten
Jahres gab es ein kleines Workcamp, dann das
große im Sommer, mit fast 40 Gästen, im Oktober arbeiteten
noch 15
Leute als Workgäste. Und am Ende des zweiten Jahres in Sommerland
waren
das Kinderhaus, die Schule, das Gästehaus und mehrere
Wohnhäuser
fertig, Halle und Turm standen im Rohbau. Zum zweiten Julfest waren wir
diesmal fast 40 Leute, die Genossenschaft hatte sich auf 45
vergrößert
und wir acht nahmen nun zwölf neue Menschen als feste Mitbewohner
auf. Das dritte Jahr verlief ähnlich, die Halle, das
Seminarhaus und
weitere Wohnhäuser und Hütten wurden fertig, wir hatten nun
auch genug
fachkundige Mitbewohner, um Gartenbau, Ziegen- und Schafherde und
Fischzucht zu beginnen. Die ersten Kinder waren eingezogen und zusammen
mit acht Kindern aus den Nachbardörfern wurde unser eigener
Kindergarten im Kinderhaus eingeweiht. Noch konnten nur wenige von
uns von ihrer Arbeit auf dem Platz
selber leben. Viele nahmen oft weite Wege auf sich, um woanders Geld zu
verdienen. Zu Jul kam der ganze Freundeskreis zusammen, Brigid, Ostara
und Samhein feierten wir unter uns, aber in der warmen Jahreszeit, zu
Beltane, Lithe, Lughnasad und Mabon kamen nun auch die Freunde von
außerhalb regelmäßig.
Im vierten Sommer konnten wir zum letzten mal alle die wollten zum
Sommerworkcamp annehmen. Es war das letzte große Aufbaucamp. Aus dem
Rahmenprogramm hatte sich mittlerweile eine Sommerakademie entwickelt.
Und am Wochenende nach Lithe fand unser erstes öffentliches Sommerfest
statt. Ca. 150 Leute kamen. Ein extra Haus für Jugendliche wurde noch
gebaut. Die Schule und die Freilichtbühne eingeweiht und Hütten für
Gäste errichtet. Die bisher interne Gaststube wurde nun zum durchgehend
geöffneten Gästebetrieb und die interne Coop-Verkaufsstelle zu einem
regelmäßig geöffneten Laden. Eine neue Phase stand bevor.
(Abteilung 4 - 6)
"Komplexere Zeremonien zeigen, wessen es bedarf, um die Libido
aus ihrem natürlichen Strombett -nämlich der alltäglichen Gewohnheit-
abzuleiten und einer ungewohnten Tätigkeit zuzuführen.
Der moderne Verstand glaubt, dies mit einem bloßen Willensentschluß erreichen
und dabei aller magischen Zeremonien entraten zu können."
C.G. Jung
6. Die inneren Bereiche von Sommerland
(Abteilung 7 bis 9)
Es hat in den letzten Wochen viel geregnet. Da es mir draußen zu
kalt ist, sitze ich in meinem Zimmer über der Veranda und beobachte die
letzten Nebelschleier, die noch um unsere Obstbäume wehen. Es ist früh
am Morgen und von überall höre ich die Geräusche des beginnenden Tages.
In der Küche klappert jemand herum und drüben vom Gemeinschaftshaus her
höre ich schon Stimmen. Irgend jemand schimpft herum, weil die
Gartenmöbel der Kneipe draußen stehengelassen wurden und nun naß
geworden sind. Eigentlich wollte ich mich dort heute mittag mit der
Chefredakteurin unserer Zeitung treffen, aber wie es aussieht werden
wir uns doch eher reinsetzen.
Die Zeitung ist der Kern unseres siebten Bereiches. Über die
Arbeitsbereiche 7 - 9 habe ich noch nichts berichtet. Das liegt nicht
daran, daß sie weniger wichtig sind, sondern daß sie nicht zu einem
gesonderten Zeitpunkt aufgebaut wurden. Sie sind zum Teil parallel und
sogar schon vor der Gründung unserer Siedlung entstanden.
Die Zeitung ist das Herz unseres "Außenministeriums". Als die
Kerngruppe sich damals zusammenfand, war auch eine Journalistin dabei,
die unsere alte Idee von der jeweils zu Jul, zu Ostara, zu Lithe und zu
Mabon erscheinenden Quartalszeitschrift freudig aufnahm und zu ihrem
Projekt machte. Wir glaubten damals, es sei noch ein langer Weg bis
Sommerland und wollten wenigstens einige Aspekte davon auch schon
unseren Freunden in der Stadt näher bringen. Wir hatten bereits
angefangen, zu den Quartalen sogenannte Trimesterprogramme
herauszugeben. Außerdem gab es einen Kreis, der sich schon zu den
Festen des Jahresrades traf. Zudem wollten wir die Werbung für die
Veranstaltungen der Konvergenzgesellschaft und befreundeter Menschen
bündeln und mit inhaltlichen Berichten kombinieren, welche wiederum die
Verbindung von unserem Vorhaben zur Gesellschaft um uns herum
einerseits und zu den Zyklen des Jahres andererseits herstellen sollte.
Das blieb jahrelang nur eine Idee, bis dann jemand da war, die diese
Idee zu ihrem Job machte.
Nach vier Probenummern hatte die Zeitschrift (nach einigem hin und
her) eine Auflage von 200 Stück erreicht, die auch tatsächlich verkauft
wurden. Mehr schien nicht drin zu sein. Aber als es dann los ging mit
Sommerland, änderte sich das. Zum Glück hatten wir in weiser
Voraussicht die Zeitschrift schon vorher auf die Beine gestellt, in der
Aufbauzeit von Sommerland wären wir dazu wohl nicht gekommen. Nun
schnellte die Auflage hoch. Die Teilnehmer des ersten Workcamps wurden
zu den wichtigsten Multiplikatoren. Zur Julausgabe des zweiten Jahres
von Sommerland stieg die Auflage auf 1000 Stück und von da an
beständig. Heute sind wir bei 5000. Die Zeitschrift geht regelmäßig in
mehrere Länder. Es gibt seit einem Jahr auch eine englische und eine
norwegische Ausgabe.
Im Moment wird überlegt, ob sie zu allen acht Jahresfesten
erscheinen soll. Ich persönlich bin noch dagegen, weil ich Angst vor
der Hatz und Oberflächlichkeit des Kurzzeitjournalismus habe, aber
meine Kollegin lacht dann nur und fängt dann auch noch mit ihren
Visionen vom Wochenblatt an.
Neben der Zeitschrift haben wir mittlerweile auch die eigene
Druckerei, den Verlag mit einem ersten Bücherprogramm, ein Musikstudio
und eine Videoproduktion aufgebaut. Der Vertrieb geht über unser
Stadtzentrum, Freundeskreise, Buchläden und über das Netzwerk.
Gleich neben dem Redaktionsbüro ist das Netzwerkbüro, wo
permanent
Informationen von ähnlichen Projekten in aller Welt eingehen, und
von
wo auch unsere Impulse zu den anderen weitergeleitet werden.
Mittlerweile ist es Tradition geworden, daß ein wichtiges
Arbeitstreffen der globalen Netzwerkorganisation alle zwei Jahre zur
Sommertagung in Sommerland stattfindet. Etwa zur gleichen Zeit
jährlich trifft sich hier auch der Beirat.
Das ist ein Gremium aus Wissenschaftlern, Künstlern und
Politikern, die
wir eingeladen haben, unser Projekt zu begleiten und die uns heute ein
große Hilfe sind beim Umgang mit staatlichen
Institutionen. Ich habe mir noch einen Tee geholt und
draußen wird es wärmer. Vor
mir steht ein Schälchen mit Heidelbeeren die ich gestern beim
Abendspaziergang gepflückt habe. Ich war mit meiner Frau, einem
Freund
und unserer Bürochefin auf unserem Hausberg. Ja, eine
Bürochefin haben wir hier auch. Sie sitzt in der Zentrale
im Gemeinschaftshaus. Anfangs hat sie die ganze Verwaltung allein
gemacht. Mittlerweile hat sie fünf Mitarbeiter und ist als
Koordinatorin der Zentrale auch für die Zusammenarbeit mit den
Büros
der verschiedenen Bereiche zuständig. Der achte Bereich ist
unsere Zentrale. Er ist eigentlich kein
eigener Bereich. Hier wird eher alles, was die einzelnen Bereiche
überschreitet und die ganze Gemeinschaft berührt aufeinander
abgestimmt
und verwaltet. Hier trifft sich der Koordinationsrat. Hier ist der Sitz
der Genossenschaft, welche die offizielle Eigentümerin und
Betreiberin
von Sommerland ist. Hier sitzt die Konvergenzgesellschaft, die
mittlerweile ein Freundes- und Fördererverein von 500 Mitgliedern
geworden ist. Und hier ist die Anmeldung für Gäste und
Besucher. Und in unmittelbarer Nachbarschaft sind die Büros
vom Bildungswerk,
Labor und Stadtinstitut. Auch die Redaktion und das Pressebüro
sind
hier mit im Gemeinschaftshaus untergebracht. Obwohl die einzelnen
Bereiche von Sommerland ihre Angelegenheiten
weitestgehend selbständig und dezentral regeln, bleibt dennoch
eine
Menge über, die die ganze Gemeinschaft betrifft. Vier- bis achtmal
im
Jahr werden bei uns zu den Jahresfesten von der ganzen Gemeinschaft
Beschlüsse gefällt. Natürlich müssen diese
vorbereitet und transparent
gemacht werden. Auch muß zwischendurch mal was entschieden und
die
alltäglichen Details koordiniert werden. Dafür gibt es den
Koordinationsrat. Jeder Bereich wählt an Jul für ein Jahr
eine
Koordinatorin oder einen Koordinator, sowie einen oder mehrere
Assistenten als Stellvertreter. Diese KoordinatorInnen?
treffen sich nun zwischen den Versammlungen der ganzen Gemeinschaft an
jedem Montag direkt im Anschluß an ihre jeweiligen Bereichsbesprechung
in der Zentrale zum Koordinationsrat. Hier werden die alltäglichen
Details des Dorflebens miteinander ausbalanciert und geregelt. Die KoordinatorInnen?
wählen einen Sprecher aus ihren Reihen, ein anderer aus ihren Reihen
wird an Jul von der Gemeinschaft gewählt. Diese beiden SprecherInnen?
des Koordinationsrates bilden für ein Jahr die Repräsentanten
des ganzen Dorfes nach innen und außen. Mittlerweile ist es
wieder trocken und richtig warm geworden. Ich
bin wieder auf die Veranda umgezogen und die Hummel hat mich gerade
besucht. Bei meinem Treffen mit unserer Zeitungschefin in der Kneipe
eben hat sie mich gebeten, einen Artikel über den SOC zu
schreiben. Die
Chefredakteurin natürlich, nicht die Hummel, oder...? Wie dem auch
sei,
ich will es versuchen. SOC ist unser neunter Bereich und
eigentlich auch kein eigener
Arbeitsbereich, eher eine Art Wächtergremium oder
Ältestenrat. SOC
heißt "Spirit of Convergenz" und ist ein Bund von derzeit neun
Frauen
und Männern von Sommerland, deren Aufgabe es ist, die Gemeinschaft
spirituell und rituell zu begleiten und darauf zu achten, das bei allen
Aktivitäten, Sorgen und Freuden und Herausforderungen des Alltags
die
großen Sinnlinien und Zielgestalten von Sommerland nicht aus dem
Blick
geraten. Sie sind sogar zu einer gewissen Abgehobenheit verpflichtet
und sollten nicht als Koordinatoren oder in ähnlichen Funktionen
im
Mittelpunkt des täglichen Managements stehen. Ihre Funktionen in
Sommerland können vage mit den alten Funktionen von Priesterinnen
oder
Schamanen verglichen werden, mit dem Unterschied, daß wir eben
keine
zentralisierte Glaubensgemeinschaft sind, wo alle aus der gleichen
Tradition kommen. Die Aufgaben des SOC gliedern sich im
Wesentlichen in fünf Bereiche :
1. Die Gestaltung der Rituale für die Gemeinschaft. Das sind in erster Linie die Jahresfeste, die Initiations-, und Übergangsriten. Darüberhinaus gelegentlich auch Mondfeste, Visionssuchen und andere Zeremonien.
2. Ritualforschung und das Rad von Konvergenz. Hier geht es um das Offenhalten des Kontaktes zu den verschiedenen Traditionen, die Balance zwischen ihnen, die praktische Erprobung ritueller Details, sowie die vergleichende Erfahrung mit verschiedenen Systemen.
3. Die Ausbildung derer, die sich auch für diesen Bereich kompetent machen wollen. So wird zum Beispiel eine Jahresgruppe innerhalb des Konvergenztrainings von einer Frau und einem Mann aus dem SOC begleitet.
4. Die Unterhaltung eines Ritual-Service-Angebotes nach außen. Der SOC betreibt die Firma Rat und Tat, einen Service für persönliche, gemeinschaftliche und jahreszeitliche Übergangsriten und Zeremonien, für spirituelle und transkonfessionelle Rückbindung (dieser Dienst wird sowohl von der Nachbarschaft als auch in entfernten Städten gerne und immer häufiger in Anspruch genommen).
5. Die fünfte Aufgabe des SOC ist seine sensibelste Funktion für die
Sommerlandgemeinschaft. Er ist der Hüter des Weges. Das heißt im Sinne
des Geistes des Gründungsmanifestes von Sommerland hütete er die Flamme
der Vision. Er achtet also darauf, daß die Gemeinschaft nicht blind vom
Tagesgeschehen den selbstgesteckten Weg verliert. Dazu hat er das
Recht, gegen jeden Beschluß des Koordinationsrates und sogar des
Gemeinschaftsplenums sein Veto einzulegen.
Aber hier muß ich präziser sein. Diese fünfte Funktion hat nicht der
gesamte SOC, sondern nur der "Rat der Behüterinnen und Behüter" inne.
Von den neun Mitgliedern des SOC sind fünf Kanditaten, die zwar in
allen anderen vier Funktionen mitarbeiten, aber noch keine vollen
PriesterInnen?sind.
Dazu haben sich bisher erst vier der SOC - Mitglieder
ausgebildet. Zu diesen vier kommt noch eine Person von außerhalb
des
SOC die von der Julversammlung für die Dauer von fünf Jahren
gewählt
wird. Und diese fünf bilden derzeit den "Rat der Behüterinnen
und
Behüter". Dieser Rat tritt so gut wie nie in Erscheinung und
dieser Rat
ist es, der mit dem Vetorecht ausgestattet ist. Er darf sein Veto
aber nur einstimmig einlegen und er darf dem
Gemeinschaftsrat Vorschläge machen, aber keine eigenen
Beschlüsse
fällen. Und die Mitglieder des "Rates der Behüterinnen und
Behüter"
verzichten für die Zeit, in der sie in dieser Funktion sind,
dafür auf
ihr persönliches Stimmrecht in der Gemeinschaftsversammlung.
Von diesem Vetorecht wurde bisher noch nie Gebrauch gemacht. Mein
Eindruck ist, daß das bloße Vorhandensein des Rates sich
schon im
Bewußtsein der Gemeinschaft niederschlägt und für
genügend Weisheit im
Alltag sorgt. Ich selbst arbeite mit im SOC und soll
demnächst als Priester
initiiert werden, aber ich will noch nicht Mitglied des Rates werden,
weil ich in der Leitung des Seminarbereiches noch soviel gestalten
will. Ich weiß noch nicht, was uns da für eine Lösung
einfallen wird.
"Letztlich müssen all diese Probleme als verschiedene Facetten
ein und derselben Krise gesehen werden,
welche zum Großteil eine Krise der Wahrnehmung ist."
F. Capra
"Und dieser Schmerz um unsere Welt kann nicht auf ein persönliches Problem reduziert werden."
J. Macy
"Aber die Persönlichkeit ist in einer größeren, universelleren Identität verankert.
Salzige Überreste archaischer Ozeane fließen durch unsere Adern,
die Asche erloschener Sterne erwacht in unserer genetischen Chemie zu neuem Leben.
... Der Kern des Bewußtseins ist das ökologische Unbewußte.
Für die Ökopsychologie ist die Unterdrückung des ökologischen Unbewußten
die tiefste Wurzel des kollektiven Wahnsinns in der Industriegesellschaft;
offener Zugang zum ökologischen Unbewußten ist der Weg zur Heilung."
T. Roszak
7. Das globale Dorf und die Weltreligion
Heute ist ein bewegter Tag. Wind ist aufgekommen und jagt Wolken
über den Himmel. Bäume und Gräser wiegen sich in lebhaften Rhytmen und
der alte Eichenmann zu meiner Linken fuchtelt aufgeregt mit seinen
Blätterarmen im Wind. Meine Hummel ist wieder verschwunden und der
kleine Wasserfall ist im Wind kaum zu hören.
Heute habe ich Post gekriegt von zwei Studenten, die im letzten Jahr
das Konvergenztraining hier abgeschlossen haben, und die nun in der
Nähe ihrer Heimatstadt eine kleine Gruppe gegründet haben, um
ein
eigenes Projekt, inspiriert von Sommerland aufzubauen. Sie werfen in
ihrem Brief Fragen auf, die ich kaum beantworten kann. Die eine zielt
auf die Zukunft von Sommerland, die andere auf das globale Netzwerk und
wieviele Chancen ich diesem einräume, den destruktiven Tendenzen
des
alten Mainstreams auf Dauer etwas entgegenzusetzen. Ich ahne nur,
daß
beides wohl miteinander zu tun hat. Nein, das Wachstum von
Sommerland wir nicht ewig so weitergehen. Wir
haben unser Dorf, wir können hier leben und arbeiten und wir leben
mit
dem Land und dessen anderen Bewohnern zusammen. Es sollen hier nicht
mehr als 100 Menschen dauerhaft leben und der Gästebereich soll
auch
nicht erweitert werden. Natürlich freuen wir uns, wenn wir
andere begeistern können von der Sommerlandidee. Und ich kann
mir auch vorstellen, das es irgendwann mal wieder
sinnvoll oder notwendig sein kann, gezielt an einigen ganz besonderen
Punkten der Erde auch größere Gemeinschaften, vielleicht
kleine Städte
mit bis zu 10.000 Menschen zu errichten, aber noch ist es nicht
soweit. Das Bewußtsein der Verbindung mit dem Platz auf dem
man lebt, muß
erst wieder zum Allgemeingut unserer Kultur werden und dem sind
Menschenansammlungen ab einer gewissen Größe einfach
abträglich.
Die Sommerlandidee ist ja aber auch nicht auf ein Dorf beschränkt.
Es gibt schon eine ganze Reihe kleiner Gruppen im Freundeskreis der
Konvergenzgesellschaft, die angefangen haben, so was wie Ableger von
Sommerland an anderen Orten zu gründen. Bei einem
größer und dichter
werdenden Netzwerk ähnlicher Orte kann ich mir auch eine moderne
Form
des Nomandentums wieder vorstellen. Kleine Gemeinschaften, die von Ort
zu Ort ziehen, und damit auch Verbindungslinien von Erdbewußtsein
schaffen, und auch außerhalb der wieder bewohnten Plätze
bewirken. Auf der letzten Netzwerkkonferenz hat jemand den
Vorschlag gemacht,
die Projekte mögen sich doch gemeinsam ein Schiff kaufen,
vielleicht in
Zusammenarbeit mit Greenpeace, und damit auf den Meeren zwischen den
Orten des Netzwerkes zu kreuzen. Auch unser Stadtzentrum hat sich
verwandelt. Anfangs war es nur als
verlängertes Standbein von Sommerland in der Stadt gedacht, um
dort
Geld zu verdienen, zu wohnen, wenn man gerade in der Stadt arbeiten
mußte und vor allem, um dort die Sommerlandidee an die Leute zu
bringen. Ich dachte, wenn unser Dorf erst richtig läuft und
lebensfähig
ist, dann würde das Stadtzentrum langsam absterben. Dem war aber
nicht
so. Als die Leute unserer Gründergeneration nach Sommerland
übersiedelten, hatten sie schon in der Stadt so viel "Nachfrage"
produziert, daß eine zweite Generation von Betreibern nun das
Stadtzentrum auf eigene Kappe betreibt und eng mit uns kooperiert. Wir
brauchen auch diese Zentren in den Städten überall, damit es
Berührungen und Austausch gibt zwischen den wieder bewohnten
Plätzen
und der alten Kultur. Viele Menschen nehmen gern an Einzelaspekten
unserer Arbeit teil, ohne gleich fest in eine Gemeinschaft
übersiedeln
zu wollen. Noch gibt es auch gar nicht genug Gemeinschaften, um
alle
aufzunehmen die wollen. Es wird ein Überlebensthema der kommenden
Jahre
sein, wie sich Menschen ermächtigen solche tiefenökologischen
Gruppenbildungsprozesse initiieren, kompetent leiten und verwirklichen
zu können. Das war auch eine Idee auf dem Netzwerktreff, dazu eine
"Planet-Earth-Unversity for Deep Ecology Development"
einzurichten. Und je größer die Vorstellungen von der
Entwicklung des Netzwerkes
werden, umso mehr braut sich natürlich auch die Gegenfrage
zusammen.
Kann es denn gelingen? Haben wir tatsächlich die Kraft dazu? Sind
wir
nicht viel zu wenige? Ist die Mehrheit derer, die bewußt oder
unbewußt,
zufrieden oder abgestumpft, freiwillig oder gezwungenermaßen, als
Privilegierte oder Ausgestoßene und Verzweifelte im alten System
mitlaufen nicht immernoch erdrückend und
übermächtig? Ja, sie ist es, und die Frage, ob wir das
alte System überleben oder
das alte System uns, ist noch nicht entschieden. Aber wir bewegen uns
auf die Entscheidung zu. Die Möglichkeiten beider Wege werden
allmählich sichtbarer. Diese Auseinandersetzung ist kein
Krieg im herkömmlichen Sinne, diesen würden wir wohl
verlieren. Es geht bei der Wiederverbindung mit der Erde doch
zuallererst um
die Herzen und Hirne der Menschen. Um das, wonach wir alle, nicht nur
wir hier oder nur die in den alten Systemen, nein, wonach wir alle uns
sehnen und was wir alle im tiefsten Inneren glauben. Nun mag unser
Sommerland dem Einen oder der Anderen vielleicht zu
idyllisch oder zu langweilig erscheinen, aber eine irgendwie
ähnliche
Sehnsucht nach einem sinnlichen und sinnvollen Leben in lebendigem
Kontakt mit Anderen und der Natur findet doch in jedem Menschen
Resonanz, der noch ein Gespür für die wurzelzerstörende
Macht der alten
Kultur hat. Bei den meisten kann dieses Gespür und diese
Sehnsucht aber nicht
bis an die Oberfläche des Bewußtseins oder gar in die
Bereiche
handelnder Konsequenz vordringen, weil die herrschende Weltreligion
dagegen einige Absicherungen eingebaut hat.
Schauen wir uns diese globale Weltreligion doch einmal genauer an.
Wir neigen dazu, sofort auf den Konsumterror, die Volksverdummung durch
die Medien, das Gewinnstreben allgemein, den Materialismus oder den
Kapitalismus im Besonderen zu schauen. Andere sehen die christliche
Moral, den Kolonialismus, das mechanistische Weltbild der
abendländischen Wissenschaften, das Patriarchat oder die Erfindung
des
Ackerbaus als Wurzel aller Übel an. Die Erwähnung all
dieser Aspekte ist sicher richtig, obwohl sie sich
zum Teil auch gegenseitig widersprechen, haben sie schon etwas
miteinander und mit der Weltreligion zu tun, die uns heute global im
Griff hält. Doch all diese Aspekte erhellen noch nicht ihren
okkulten
Kern, welcher die wirkliche Macht ausübt auf das Bewußtsein
der
Menschen. Sprachforscher, Verhaltensforscher und die moderne
Gehirnforschung
weisen darauf hin, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen
Sehnsucht
und Sucht. Wem es gelingt, uns von unseren Wurzeln abzuschneiden, von
dem Ort an dem wir leben, genauso wie von unserer tiefsten,
allerpersönlichsten und heiligsten Sehnsucht (im indianischen
Kontext
auch Kindfeuer genannt), der erlangt Macht über unser
Denken. Wenn die Indianer Nordamerikas angesichts des Landraubes
durch die
weißen Eroberer sinngemäß sagten "irgendwann wird auch
der weiße Mann
verstehen, daß er Geld nicht essen kann" dann hatte das nicht nur
eine
materiell-ökologische Wirklichkeit, dieser Satz steht auch als
Symbol
für Entfremdung von Wirklichkeit schlechthin. Dolores La
Chapelle hat in ihren Werken für mich einleuchtend auf
den Zusammenhang von Kolonialismus, Kapitalismus, und Sucht
hingewiesen. Ohne den Kolonialismus, welcher den dynamischsten
Ländern
die spätere Industrialisierung, und insbesondere England einen
ungeheuren Reichtum bescherte, und den gesteuert und bewußt
inszenierten Drogensüchten (Alkohol bei den Indianern, Tee in
England,
Kaffee und Tabak in Europa, Opium in China) wäre der Aufschwung
des
Kapitalismus in dieser Form undenkbar gewesen. Doch nicht nur den
Indianern wurde ihr Land geraubt. Der größte Teil
der englischen Landbevölkerung mußte vom eigenen Boden
abgeschnitten
werden (die große Landreform zugunsten der
Großgrundbesitzer), um als
Sklaven für die Industrie ausbeutbar zu werden. Wir heutigen
neigen dazu, Sucht nur als individualpsychologisches
Phänomen zu betrachten. Aber Suchtverhalten ist die Basis unseres
Wirtschaftssystems. Ohne Suchtstrukturen wäre es unmöglich,
massenhaft
Dinge zu produzieren und zu verkaufen, die niemand wirklich
braucht. Der Süchtige glaubt natürlich, daß er
seinen Stoff braucht. Und
dieser Glaube beherrscht unsere Kultur. Der Süchtige hat den
Kontakt zu
seiner wirklichen Sehnsucht verloren, er hat etwas, was nicht wirklich
sein Leben ausmacht und die Verbindung zum Ganzen herstellt, zu seinem
Heiligsten gemacht. Auch wenn wir keine Fixer sind, verhalten wir uns
fast täglich so. Fast alles Streben nach Glück, Erfolg,
Sicherheit und
Wohlergehen richten wir nicht mehr auf die heiligen Verbindungen, die
solche Wünsche real befriedigen, sondern auf einen Stoff, der gar
nicht
mehr wirklich existiert. Auf das Geld! Mit ungeheurer Glaubenswut
hält der süchtige Atheist im
entwickelten Kapitalismus an der Realität des Geldes
fest. Was einst nur Tauschmittel war und lange Zeit selbst aus
wertvollen
und seltenen Metallen (Gold und Silber) bestand, ist heute eine absolut
irreale Größe geworden, die alle Bindungen an wirklich
existierende
Werte abgeschnitten hat. Das Tauschmittel ist selbst zur Ware geworden,
und zwar zur einzigen, mit der man heute auf die Dauer wirklich Geld
verdienen kann. Das liegt aber nicht an seinen lebenswichtigen
Qualitäten, es hat keine. Die einzige Macht des Geldes, die es
wirklich
hat, ist in den Köpfen all derer, die an seine Realität
glauben. Wir glauben an seine Allmacht. Wir glauben, mit Geld kann
man alles
erreichen. Wir glauben, unser Überleben mit Geld absichern zu
können.
Wir glauben, Erfolg könne nur im Geld gemessen werden. Wir halten
eine
befriedigende und sinnvolle Tätigkeit, mit der wenig oder kein
Geld
verdient wird, für weniger wert als eine unbefriedigende oder
sinnlose
Tätigkeit, mit der aber viel Geld verdient wird. Wir halten
traumatisierende und schmerzhafte Zustände (meistens im
Beruf) tatenlos aus, wenn wir als Schmerzensgeld ein sicheres Gehalt
dafür beziehen. Wir halten Menschen, die kein hohes oder gar
kein Gehalt beziehen,
zumindest heimlich, für Versager. Wir halten Vollidioten oder
Verbrecher, die weiß der Kuckuck wie an Geld gekommen sind,
für
Vorbilder. Wir glauben an die Allmacht und die jungfräuliche
Geburt des stets
sich selbst vermehrenden Geldes. Wir glauben an die Realität und
moralische Vertretbarkeit solcher Regeln wie Zins, Zinseszins und
ignorieren dabei deren räuberischen Charakter. Wir glauben, Geld
zieht
Geld an, weil wir sehen, wie mit Zinsen und Spekulationen Geld gemacht
werden kann. In der Realität aber wird alles, was irgendwo
hingezogen
wird, woanders weggezogen. Jeder finanzielle Reichtum, der
scheinbar so wertfrei sich bei
einigen sammelt, basiert auf Raub bei anderen. Das Geld vermehrt sich
nicht neutral, es wird bezahlt, meistens von denen, die nur wenig davon
haben. Aber sie tun es, weil sie selbst an die Realität
solcher Dinge wie
Zinsen glauben. Wieviel an wirklichen Werten, an heiligen Verbindungen
und Wurzelung in der Erde muß zerstört werden, um so ein
Suchtverhalten
und dem Glauben an etwas schlicht nicht Existentes aufzubauen? Und
keine rationale Aufklärungskampangne wird daran etwas ändern.
Aus der Suchttherapie weiß man, daß der Heroinsüchtige
nur dann die
Kraft hat, mit dem Suchtverhalten aufzuhören wenn er etwas findet,
was
stärker ist als sein Stoff, etwas wofür er wirklich leben
will.
Nur wenn es uns gelingt, die authentischen Sehnsüchte nach einem
voll gelebten Leben wieder zu wecken, gibt es die Chance, aus dem
Suchtglauben an die Realität der Wirtschaftswachstumsgesellschaft
auszusteigen. Dieser Suchtglaube bei der Mehrheit der Menschen,
auch und gerade
bei denen die gar nicht davon profitieren, hält zur Zeit noch ein
System am leben, was dabei ist, die gesamte Biosphäre zu
ruinieren,
zumindest aber etliche Spezies unwiderruflich auszurotten und die Erde
vielleicht bald für Menschen unbewohnbar zu machen. Doch
Anklagen und Frontalangriffe stärken das System nur. Ich glaube
nur an einen langfristigen Erfolg, wenn wir subversiv sind und der
alten Glaubenssucht etwas anbieten können, was dichter am inneren
Kern
der Menschen ansetzt. Die tiefenökologische Bewegung wird Erfolg
haben,
wenn sie Orte und Gemeinschaften vorweisen kann, wo Menschen ihre alte
Suchtstruktur freiwillig in eine ganzheitliche Begegnung mit sich
selbst, den anderen und der Erde transformieren.
Das ist der Grund, warum wir nicht in die Institutionen gegangen sind, sondern Sommerland aufgebaut haben.
Es
ist Nacht geworden, der Wind hat sich gelegt. Ich sitze wieder in
meinem Zimmer, unten sitzen die anderen noch singend und lachend im
Kaminzimmer. Draußen höre ich hin und wieder ein
Käuzchen rufen. Ich habe die letzten Kapitel nochmal
überflogen und würde spätestens
jetzt vom Leser die Frage erwarten "nun laß endlich die Katze aus
dem
Sack, wo sitzt du da eigentlich? Wo genau liegt Sommerland? Wie lange
habt ihr darauf hingearbeitet? Wie lange gibt es das Dorf schon und
wann schreibst du eigentlich?" Den aufmerksamen Leser wird nun
vielleicht ein wissendes Lächeln
anfliegen, den nicht ganz so aufmerksamen sei gesagt: ich werde den Ort
jetzt und hier nicht nennen und auch den genauen Zeitpunkt nicht. Nur
soviel: ich schreibe diese Geschichte im August.
Und vielleicht noch ein paar unserer Vorüberlegungen vor dem
Beginn der Geländesuche. Damals hieß es, Sommerland
könnte liegen:
Zur zeitlichen Abfolge der Ereignisse nur so viel:
Einige von uns hatten schon einmal früher ein Gemeinschaftsprojekt geplant, es war gescheitert. Nur die wenigsten bringen zweimal im Leben den Mut und die Kraft auf, solch ein Versuch zu wagen, weil so einen Versuch dich wirklich alles kostet, was du geben kannst. Ich hatte drei gescheiterte Versuche hinter mir als ich zuerst auf die Werke von Dolores La Chapelle und die Tiefenökologie und dann auf ein paar "Veteranen" stieß, die gleich mir sowohl einschlägige Vorerfahrungen hatten, als auch noch das Feuer in sich spürten. Dann ging es los. Ein paar junge Ungestüme kamen dazu und nach zwölfmonatigem Gruppenprozeß waren wir handlungsfähig und bereit. Vier Monate später hatten wir das Land.
Unser Weg nach Sommerland zeichnete sich durch Folgendes aus:
- durch ein hohes Maß an Vorerfahrungen konnten wir uns einige Umwege sparen
- wir haben den Zielrahmen möglichst hochgesetzt und weit gespannt und damit die gemeinsame Absicht so verankert, daß wir in taktischen Schritten durchaus nicht immer einer Meinung sein mußten. Nur durch die Weite der Vision konnten wir es uns leisten, ganz klein anzufangen, ohne im Alltagssumpf der Anfangswidrigkeiten zu versinken.
- Die Zeit war reif dafür, die Erde braucht solche Plätze.
- Wir haben, als wir zu viert waren, einen Entschluß gefaßt, und davon nicht mehr abgelassen.
- Wir haben als Kerngruppe die Leitungsverantwortung behalten und neue Menschen möglichst ausführlich und umfassend in unsere Vision eingeführt, sodaß sie lange genug Zeit hatten, für sich zu klären, ob unser Weg auch wirklich ihr Weg sei, bevor wir sie mit allen Rechten in die Gemeinschaft aufgenommen haben.
- Wir waren zu anspruchsvoll für die, die einfach nur auf dem Lande leben, oder in irgendeine Gemeinschaft wollten.
- Wir haben niemanden im Dorf als festen Bewohner aufgenommen, der keine klare Versorgungsbasis hatte, das heißt man mußte entweder selber eine Firma mitbringen, oder bei einer im Dorf einen Job haben.
- Wir haben intern anfangs die Zinsen, später den Geldverkehr ganz abgeschafft.
- Wir haben uns weder auf Sympathie noch auf ein Konzept allein verlassen, sondern uns in langem Prozeß über beides vergewissert.
- Wir haben in der Aufbauphase keine "Sozialfälle" integriert. Erst als das Dorf eine ökonomische Mindestgröße erreicht hatte, haben wir neben unseren Kindern auch einzelne Erwachsene Personen bewußt und von der Gemeinschaft so gewollt als "Versorgungsfälle" akzeptiert.
- Wir haben nie behauptet, unser Weg sei der einzige, aber immer darauf geachtet, daß er der unsere blieb.
Das Käuzchen ist still geworden und auch die Menschen sind schlafen gegangen. Ich beende hiermit diesen ersten Bericht aus Sommerland. Es wird noch einige Details in den Anhängen in Teil zwei geben. Aber denen, die es immernoch genauer wissen wollen, sei gesagt, Zeit und Ort werden auch hier nicht beschrieben. Wendet euch, wenn das Interesse groß genug ist, an den Autor.
Gandalf Lipinski im August in Sommerland