Sommerland- Gemeinschaft

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Die Vision von Sommerland
Sommerlandchronik Teil1
Gandalf Lipinski

jahresrad

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1. Dies ist die Geschichte von Sommerland 

2.  Sechs Ebenen einer etwas komplexeren Motivation

2.1 Die Idylle
2.2 Der Überlebensort
2.3 Eros und Heimat
2.4 Heimat und der Platz 
 
2.5 Das tiefenökologische Netz
2.6 Konvergenz

3. Das Leben in Sommerland

4. Von den Anfängen in Sommerland

5. Sommerland wird ein Dorf

6. Die inneren Bereiche von Sommerland

7. Das globale Dorf und die Weltreligion

8. Der Weg nach Sommerland




Den Frauen und Männern gewidmet
die auf dem Wege
nach Imladris, Avalon oder Sommerland
waren,
sind
oder sein werden.



1. Dies ist die Geschichte von Sommerland.

Jetzt, da ich beginne sie aufzuschreiben, sitze ich auf der Veranda unseres kleinen Holzhauses und lausche dem Wasserfall, der dem Auge verborgen hinter Himbeeren und lichtem Birkenwald sein leises Lied singt. Er singt von der Dauer und vom Wandel aller Dinge. Heute ist sein Lied etwas lauter, es hat geregnet und die Abendsonne bringt die letzten Tropfen an Gräsern und Bäumen zum funkeln. Ich schreibe diese Geschichte nicht allein auf, auch wenn meine Hand es tut. Der Wasserfall, der Wald, die Lichtung, auf der unsere Häuser stehen, die Abendsonne, ja das ganze Tal, in dem wir nun leben, sie schreiben mit. Neugierig was ich denn da treibe, eifrig wie Kinder teils, dann wieder bedächtig nickend, umstehen sie mich, spornen mich an, verändern mein Werk und gestalten es mit. Der alte Eichenmann hält etwas Abstand, nur hin und wieder regt er sachte eine Blätterhand in milden Sommerabendwind, als wolle er sagen : "Ja mach mal, es wird schon werden, ich weiß ja worum es geht." Ein leichter Zwiebelgeruch, Klappern und Plappern in der Küche hinter mir, die Sonne am Horizont und mein Magen, alles deutet darauf hin, das ich nun bald zum Abendessen gerufen werde. Aber wenigstens das Vorwort will ich noch schreiben, damit ihr wißt, worum es geht und nicht denkt, es ginge mir allein darum, die Bäume und Bäche um mich mit Worten und Sprache zu versehen. Nein, nein, Sommerland ist schon ein Menschenort und es waren Menschenherzen, Hirne, Hände die ihn schufen. Aber wir taten das alles von Anfang an eben nicht allein, sondern in stetem Austausch mit den Lebewesen, die schon vor uns hier wohnten. Eine Hummel brummt mir gerade jetzt etwas zu selbstgefällig am Stift vorbei, aber ich will mich nun zur Ordnung rufen und so von Sommerland erzählen, daß ihr, die ihr in den Städten lebt, mich verstehen könnt. Sommerland ist unser Dorf hier in den Bergen im Norden, ein sehr kleines zwar, aber hier gibt es alles, was wir zum Leben brauchen. Und der nächste Ort ist immerhin schon in 20 km erreichbar. Wir leben umgeben von Wald und Bächen in einem kleinen Bergtal, und wenn man dem Mühlbach folgt, erreicht man schon bald das Meer. Es ist eine geschützte Bucht, und Wasser und Land werden vom Golfstrom gewärmt. Ja, jetzt im August steht ein Schälchen neben mir mit frischen Erdbeeren und Kirschen aus unserem Garten. Heute abend liegt alles besonders friedlich da. Mit dem weißen Rauch aus den Hütten steigt auch in mir die Erinnerung empor an den alten Mythos vom Sommerland, dem Traumland, wo zufriedene Menschen in Frieden und Gerechtigkeit miteinander leben, wo kein Mangel herrscht und der Wohlstand der Gemeinschaft auf einem sehr achtsamen Umgang, ja sogar Freundschaft mit den anderen Lebewesen des Platzes beruht. Und weil es dieses Bild vom Friedensreich, von immer wiederkehrender Frische und Schönheit, vom ewigen Sommer tief in unserer Erinnerung gibt, haben wir auch unser Dorf Sommerland genannt, obwohl wir ja erst vor ein paar Jahren begonnen haben, hier zu siedeln. Nicht daß ihr nun denkt, es sei immer so ruhig und harmonisch hier wie am heutigen Abend. Nein, es liegen Jahre der Arbeit, der Auseinandersetzung, von Konflikten, Irrwegen, Krisen und Verzweiflung hinter uns. Wir sind auch noch nicht fertig mit dem Aufbau unseres Dorfes. Es ist nicht einfach ein schöner Traum, der uns nun in den Schoß gefallen wäre, nein, wir sind einen langen Weg gegangen. Einige von uns sind umgekehrt, weil sie den Glauben an das Ziel verloren haben, anderen gefiel es unterwegs so, daß sie woanders bleiben wollten. Ich kann mich noch an alle erinnern, die kamen und gingen, die ihrer Sehnsucht folgten oder die verlorengingen. Unser Weg konnte nicht ein Weg für alle sein, das wußten wir von Anfang an. Viele wollten gar nicht nach Sommerland, sie hatten andere Ziele, und es war oft ein schmerzhaftes Ringen, bis wir voneinander wußten, wohin die einzelnen tatsächlich wollten. Dreimal haben wir die Gruppe ganz auflösen und neu anfangen müssen. Einige haben diesen Prozess nicht verkraftet, aber andere haben wieder zusammengefunden und berichten von anderen, auf anderen Wegen zu anderen Orten. Heute wissen wir, daß Sommerland nicht allein existiert, es gibt immer mehr Orte dieser Art, so verschieden sie auch sein mögen, aber die Zahl derer, die wieder auf den Pfaden der Erde wandeln, wächst beständig. Ich weiß nicht, ob ich selbst den Weg nach Sommerland gefunden hätte, wenn ich vorher gewußt oder geahnt hätte, durch wieviel Arbeit, Schmerz und Irrungen er mich führen würde. Aber ich habe ihn nicht vorher gekannt, ich bin ihn gegangen,bis zu diesem stillen Sommerabend hier auf meiner Veranda beim braunen Bier und mit meinem Notizbuch. Und so kommt es, daß ich euch erzählen kann von Sommerland. Sommerland war lange ein Bild in mir, für das ich keinen Namen hatte. Aber die Leuchtkraft dieses Bildes hat mich nie verlassen, in keiner Dunkelheit. Und so leben wir nun tatsächlich hier. Und ich kann sie euch erzählen, die ganze Geschichte, von unserem Weg, wie wir zusammenkamen und wie wir den Platz gefunden und uns eingerichtet haben, denn ich war dabei, von Anfang an.

2. Sechs Ebenen einer etwas komplexeren Motivation

 Was haben wir eigentlich gesucht auf diesem Weg, wohin sollte es denn genau gehen? 

Für was in unserem Leben steht der Name Sommerland?

2.1. Die Idylle

Da möchte ich zuerst mal mit einem ganz persönlichen Wunschbild anfangen, das mir Triebfeder war, und von keinem Realitätssinn, keiner Therapie oder esoterischen Lehre (es doch lediglich als Symbol für einen innerpsychisch zu leistenden Integrationsprozess anzusehen) genommen werden konnte. Nein, in einer Mischung aus jugendlichem Eifer und pedantischem Starrsinn hatte ich es darauf abgesehen, das Bild doch tatsächlich und in der Außenwelt, also materiell, zu verwirklichen.

Es ist ganz einfach:

Ich lebe zusammen mit meiner Frau, Freunden und Kindern in Holzhäusern am Waldrand. Wir leben einfach und naturverbunden, mit wenig materiellem Aufwand, viel Lust und Wärme miteinander, mit dem ganzen Ort um uns herum. Und wir gestatten uns dennoch, geistig die ganze Welt zu umfassen. Dieses persönliche Bild tauchte dann, vielleicht in abgewandelten Details aber doch sehr ähnlich bei immer mehr Menschen auf, denen ich begegnete. Und damit beginnt nun unsere gemeinsame Geschichte. Warum in kleinen Gruppen weg aus der Stadt und wieder in der Natur leben?

2.2. Der Überlebensort

Neben der Idylle war Sommerland auch von Anfang an ein Überlebensort. Den meisten von uns war die Erkenntnis gemeinsam, daß das Leben wie wir es als Kinder noch gekannt hatten in dieser Form in dieser Gesellschaft in dieser Zeit so nicht weiter gehen würde. Patriarchat, Kapitalismus, Umweltzerstörung und die immer tiefer gehenden sozialen und seelischen Entkoppelungen unserer Zivilisation hatten eine Endzeit geschaffen, die mit Konsumterror, Endfremdung von allem und jedem, zunehmender Gewalt, Verrohung und Verblödung, sowie wachsender Perspektivlosigkeit ihr Haupt erhob, um die hohl gewordenen Bilder von Frieden und Ordnung unserer bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Vorfahren unwiderruflich zu verschlingen. Egal ob man die Vorstellung "die Polizei beschützt das Eigentum rechtschaffender Leute" als zu bekämpfenden Mief oder als heimlichen Wunsch gesehen hatte, diese Zeit ging zu Ende. Der Zusammenbruch der uns bekannten individuellen und sozialen Sicherheitsysteme war absehbar geworden. So sahen einige eine Art Apokalypse auf uns zukommen, die zu überleben man nun ganz konkrete Vorsorge treffen müsse. Andere sahen die kommenden Veränderungen eher als globalen Reinigungsprozess, mit dem ein neues goldenes Zeitalter eingeleitet werde. Und eine dritte Gruppe wiederum behauptet einfach, es werde sich gar nichts so grundlegend ändern, gewisse Verwerfungen habe es immer schon gegeben und früher noch viel schlimmere. Die letzteren wären wohl kaum motiviert gewesen, einen Überlebensort aufzubauen, wenn sie nicht eine Art spielerisches Vergnügen an Katastrophenprophylaxe und Vorratswirtschaft und ein eher ästhetisches Verhältnis zur Nachhaltigkeit entwickelt hätten. Unsere Stärke als Gruppe bestand in diesem Punkt darin, keine der drei Positionen zu diskriminieren, sondern die verschiedenen kreativen Kräfte der drei verschiedenen Motive zu einem gleichermaßen effektiven und unverbissenen Konzept zu vereinen, welches bei aller Vorsorge auch die Lebensqualität im Hier und Jetzt im Auge behielt. Konkret hieß das, der Ort mußte groß genug sein, um einer Gruppe von 30 bis 120 Menschen (so verschieden waren am Anfang unsere Vorstellungen von Mindest-, und Höchstzahl einer funktionsfähigen Gemeinschaft) das Zusammenleben zu ermöglichen. Er sollte dennoch bezahlbar sein, sodaß wir auch mit einer kleinen Gruppe von 6 bis 10 Menschen anfangen und das Ganze erst später ausbauen könnten. Er mußte in den Bergen liegen, mildes Klima haben, eigenes Wasser, Wald und Wildnis, Garten und Nutzland haben, sodaß wir einen Großteil unserer Lebensmittel dort notfalls selbständig produzieren könnten. Wir suchten also 5 bis 20 ha Land, möglichst abgelegen, erhöht und im Einzugsgebiet des Golfstroms. Nun waren wir nicht die einzigen und die ersten, denen solch ein Ort vorschwebte. Und einige von uns hatten auch schon Erfahrungen mit anderen Gemeinschaftsprojekten gemacht, und immer gab es dabei einen heißen Punkt, der ungelöst blieb.

2.3. Eros und Heimat

Bei uns kamen also Menschen zusammen, die vom Gedanken beseelt waren, ihre Wünsche nach Heimat und nach Eros nicht mehr gegeneinander zu richten, sondern miteinander zu verbinden. Wir hatten keine klaren Vorstellungen, wie das zu bewältigen sei, aber eine Menge nützlicher Vorerfahrungen. Das bedeutete zunächstmal für die Gemeinschaft: ein Höchstmaß an Toleranz gegenüber den verschiedensten Bedürfnissen, sich sexuell zu begegnen. Und Toleranz meint hier nicht eine theoretische Akzeptanz aller möglichen Formen, sondern eine ganz praktische und tief empfundene Bereitschaft, nicht nur die eigenen Wünsche sondern auch die Bedingungen der anderen absolut zu respektieren. Das war keineswegs selbstverständlich und forderte eine Menge täglicher Bewußtseinsarbeit. Ich selbst hatte in einem Vorgängerprojekt sehr auf die Einführung der mutterrechtlichen Gruppenehe gesetzt, da ich das Monogamiedogma von Ehe und Kleinfamilie aufheben wollte. Andere hatten aus ähnlichen Gründen auf die freie Liebe gesetzt. Gemeinsam war uns nach all diesen Erfahrungen die tief empfundene Ablehnung jeder Art von erotischer Monokultur, die Anderslebende ausgrenzt, sozial vernichtet und ihrer menschlichen Heimat beraubt. Das geschieht im Namen der Ehe genauso wie unter dem Banner der freien Liebe oder unter anderen Dogmen. Wir waren uns einig, daß gerade der intime Bereich, wie Frauen und Männer miteinander umgehen, für das Scheitern oder den Erfolg einer Gemeinschaft von entscheidender Bedeutung war. Und wir hatten kein Rezept dafür, eher mehr Fragen als Antworten. Aber wir waren wach genug für das Thema und unsere Stärke als Gruppe bestand darin, einander in diesen Bereichen sehr genau zuzuhören und uns gegenseitig gleichermaßen zu fördern wie auch zu akzeptieren. Wir konnten und wollten nicht zu einem Einpunkteprojekt werden und unsere ganze Aufmerksamkeit unseren sexuellen Mustern und erotischen Umgangsformen widmen, wiewohl wir diese Ebene stets wachhielten. Wir wollten uns nicht in ein soziales Experiment begeben, das nur auf dieser Ebene kreiselte.Wir wollten eine Siedlung aufbauen, die auch praktisch und auf anderen Ebenen, die auch ökonomisch und ökologisch funktioniert. Unter Lebensqualität verstanden wir ein ganzheitliches Gemeinschaftsgeflecht unter allen Aspekten: körperlich, emotional, mental, sexuell und spirituell.

2.4. Heimat und der Platz

Und damit haben wir die 4. Ebene gemeinsamer Motivation erreicht. Sommerland sollte kein soziales Experiment im abgehobenen menschlichen Raum sein, sondern eine Gemeinschaft aller Lebewesen eines Ortes. Wir leben zwar als Frauen und Männer zusammen, aber auch mit Kindern, mit Tieren, Pflanzen, ja mit dem Land selbst. Nicht nur der einzelne Baum, auch der Wald oder ein Fluß, ein Berg oder eine Lichtung, die Abendsonne, die Hummel oder ein Fels gestalten den Ort mit, an dem wir leben. Die meisten von ihnen waren schon vor uns da, andere kamen mit oder nach uns auf den Platz. Aber wir alle zusammen, menschliche und nicht-menschliche Bewohner dieses Platzes prägen die Luft und das Wasser, die Stimmung und den Geist dieses Ortes. Dieser Ort ist Sommerland, nicht unsere Menschengruppe allein. Als die ersten von uns ankamen, hatten wir natürlich jeder sofort Vorstellungen von der Gestaltung des Platzes im Kopf. Und natürlich gab es auch gemeinsame ökologische Vorstellungen und Konzepte. Aber eines unserer Konzepte war eben auch, mit den anderen Lebewesen und Kräften des Platzes, ja mit dem Platz selber zu kooperieren. Wir stürzten uns also nicht gleich in Aktivitäten, sondern versuchten erstmal, den Platz wahrzunehmen. Wir ließen uns Zeit, um von den Lebewesen und dem Platz soviel wie möglich zu erfahren. Anfangs benutzten wir dazu Techniken aus dem theatralen, schamanischen und tiefenökologischen Kontext, um uns für diese Art der Komunikation zu öffnen. Heute ist es für viele von uns ganz selbstverständlich, mit Bäumen oder Tieren zu "sprechen". Es entstand eine Art Dialog zwischen der Menschengruppe und den anderen Bewohnern des Platzes. Und heute sind wir zu einer Gemeinschaft geworden. Schon wieder fliegt die Hummel um den Stift, dabei ist es eigentlich schon zu dunkel für sie. Ich zünde eine Kerze an, trinke einen Schluck Bier und halte inne, um den nächsten Satz in mir tiefer entstehen zu lassen. Ja, erst jetzt, in dieser Gemeinschaft, die das ganze Biotop umfaßt, ist Heimat für mich wieder eine dreidimensionale leuchtende Realität geworden, vorher war es nur ein Wort für das Gefühl fehlender Verbindungen. Wir haben begonnen, die Erde wieder zu bewohnen.

2.5. Das tiefenökologische Netz

Auf der nächsten Ebene begriffen wir die ökologische und politische Dimension unseres "Wohnens" auf der Erde. Natürlich ging es uns beim Aufbau von Sommerland um die Erfüllung ganz persönlicher Lebenswünsche und doch, oder gerade dadurch, traten wir ein in eine tiefere Verbindung mit der Ökologie unseres Platzes, als dies vorher ohne den Platz und nur über menschliche Vorstellungen zur Ökologie möglich war. Es ging nicht mehr darum, moralische Werte aufzubauen oder andere Normen ökologisch ausgewogener Konzepte zu erfüllen. Dadurch, daß wir unsere Gemeinschaft nicht nur weiter als auf die Menschengruppe bezogen definierten, sondern auch praktisch mit den anderen Lebewesen und Kräften dieses Ortes lebten, veränderten wir uns und den Platz. Man könnte es eine Vergrößerung des Selbst oder ein erweitertes Wir-Gefühl nennen, welches dabei entsteht. Der Geist unseres Platzes ist ein Ganzes geworden. Ähnlich wie ich einzelne Körperteile als zu mir gehörig empfinde so wird es auch immer mehr den verschiedenen Ebenen dieses Platzes gegenüber. Wenn diese Erfahrungen mehr Menschen zugänglich wären, bräuchte es keinen moralischen Imperativ mehr um ökologisches Bewußtsein aufzubauen. Tiefe Ökologie ist keine Wissenschaft mehr, die mittels systhemischen Denkens die Umwelt zu verstehen versucht, sondern ist einfach Leben mit der Natur. Und wo eine Menschengruppe achtsam einen Platz wiederbewohnt, da entsteht Liebe zu diesem Platz, die seine entseelte Vernutzung schon aus eigenstem Inneren heraus nicht zulassen kann. Ein tiefes Unbehagen entsteht gegenüber einer Kultur, die die Lebendigkeit der uns umgebenen Welt leugnet. Ähnliches mochten vielleicht die Indianer empfunden haben, als sie den Umgang der Weißen mit ihrem Land erlebten. Wir haben mit unserem Dorf eine tiefenökologische Modellsiedlung geschaffen, die nicht nur uns und diesem Platz zugute kommt, sondern wir haben damit auch ein politisches Signal gesetzt, welches zeigt, daß ein sinnlich und sinnvoll gelebtes Leben in einer Gemeinschaft von Menschen und Natur mehr Menschlichkeit, Lebendigkeit und Attraktivität ausmacht, als die Verfolgung virtueller Größen, wie zum Beispiel der Zinssteigerung. Durch den Modellcharakter von Sommerland ist uns auch die politische Dimension klargeworden, in die wir uns begeben, wenn wir beginnen einen Platz zu bewohnen, statt aussterbende Megasysteme zu reparieren. Noch sind wir global gesehen damit eine Minderheit. Aber wir sind auch Teil eines wachsenden Netzwerkes geworden. Immer mehr Orte der Erde werden von immer komplexer denkenden und empfindenden Menschen bewohnt. Die Teilnahme an diesem weltweiten Prozess der Wiederbewohnung der Erde erfüllt uns genauso mit Stolz und Befriedigung wie die Verwirklichung unserer privaten Wünsche. 

2.6. Konvergenz

Somit kommen wir zur 6. Ebene unserer komplexen Motive für den Weg nach Sommerland,der geistig- spirituellen Ebene: für einige von uns war ja schon bei der Benennung der tiefenökologischen Dimension von Sommerland die Grenze des eigenen Denkens erreicht. Sich wohlfühlen auf einem schönen Fleck Natur, O.K., aber darin eine Wiederverbindung der Erde zu sehen? Wir konnten sie nicht mit Worten überzeugen. Der Platz tat es. Sie erfuhren es, auch wenn sie darin zunächst einen Rückfall in atavistische Bewußtseinsstufen befürchteten. Sie glaubten schließlich ihrem eigenen Erleben. Andere hielten der tiefenökologischen Ebene esoterische Argumente entgegen. Es könne doch gar nicht um die Wiedereinwohnung auf der Erde gehen, das sei doch viel zu sehr materiell und äußerlich orientiert, schließlich seien wir geistige Wesen, nicht von der Erde sondern von den Sternen. 
Selbstverständlich konnten wir auch sie nicht mit Argumenten überzeugen. Ja es ging uns auch nicht darum, ein einheitliches Menschen- oder Weltbild aufzubauen. So erklärten wir denen von den Esoterikern, die mit uns siedeln wollten, O.K., aber selbst wenn wir geistige Wesen und nicht von der Erde sind, dann sind wir doch hier in der Materie und in unseren Körpern zu Gast, oder? Da sie dabei meist freudig nickten, sagten wir ihnen, O.K., wenn wir hier also zu Besuch sind, dann benehmen wir uns als höfliche Menschen doch auch bitte so und behandeln alles zur Gastgeberin gehörende höchst pfleglich. Spätestens an dieser Stelle wurde meist deutlich, daß es zur Wiederversöhnung mit der Natur Wachheit, Liebe und ein bischen gesunden Menschenverstand braucht, aber keine neue zentralistische Weltanschauung, der alle zustimmen müssen. Der spezielle Weg unserer Gruppe zurück zur Erde, unser Weg nach Sommerland, war gezeichnet von vielen Umwegen. Wir hatten keinen Guru und keine zentrale Ideologie. Aber wir waren offen für die Beobachtung was funktioniert und was funktioniert nicht.So wurden wir langsam zu Spezialisten für Konvergenz. Unter Konvergenz verstanden wir die Zusammenschau verschiedener Wege, die sich mit Heilung und Bewußtseinserweiterung und Vertiefung befassen, Wege zur Ganzheit von Mensch und Erde. Wir holten uns die Weisheit der verschiedensten Schulen, ohne dabei ein festes Menschen- oder Weltbild für uns alle für verbindlich zu erklären. Mir persönlich sind die Wege näher zur Tiefenökologie, die von der Erfahrungsebene kommen, also magische, rituelle, schamanische und naturreligiöse Wege. Es gibt aber auch Menschen, die über die Kunst, verschiedene Wissenschaften, oder die Tiefenpsychologie, über asiatische Erleuchtungswege und sogar über die Offenbahrungsreligionen zur Tiefenökologie gefunden haben. 

Im Sinne von Konvergenz kenne ich eigentlich nur ein Kriterium für die Beurteilung eines Weges:

Führt er zu mehr Wachheit und Liebe oder zu mehr Kontrolle und Macht?

Die Orte aus denen das wachsende Netzwerk besteht, mögen aus den verschiedensten Richtungen inspiriert worden sein. Und sicher hat jeder Ort und jede Gemeinschaft ihre ganz eigene Aufgabe und Funktion in der irdischen Evolution. Sommerland ist der Ort der Konvergenz, der Ort der Liebe zur Weisheit in den verschiedenen Wegen und der Liebe zur Erde in all ihren materiellen Manifestationen. 

Der vom japanischen Schamanismus und Zenbuddhismus gleichermaßen beeinflußte Shintoismus sagt:

Das irdische Leben ist eine erstrebte Befriedigung für den göttlichen Geist.

 

"Denn das Glück ist nur ein Nebenprodukt der Funktion,

wie das Licht nur ein Nebenprodukt des elektrischen Stromes ist,

der durch die Drähte fließt.

Deshalb findet keiner das Glück, der es um seiner selbst willen sucht."

T.H. White in "Das Buch Merlin"

 

3. Das Leben in Sommerland

(Außenwelt, Zeiten, Rhytmen)

Zur Zeit leben 65 Erwachsene und fast 20 Kinder in Sommerland, außerdem haben wir 50 Gästebetten. Unser Land umfaßt 22 ha, ein kleines Bergtal mit einer halboffenen Lichtung, das Talinnere wird vom Wald abgeschirmt, das Gelände dahinter besteht aus Wildnis und geht direkt ins Gebirge über. Von dort kommt ein großer Bach, der unseren Talboden mäandrierend durchfließt, im Dorf fast zum Fluß sich weitet und hinter dem Dorf in einen See mündet. Er verläßt den See wieder als wilder Bergbach und stürzt danach recht steil dem Meer entgegen. Der schmale Streifen bis an den Strand der geschützten Bucht und das Bootshaus mit dem Anleger dort unten gehören auch noch zu unserem Gelände. Ein paar kleine Bäche, eine Quelle unter dem Hügel am Waldrand, einige Fischteiche und ein Brunnen im Dorf schenken uns Wasser im Überfluß. Wir wohnen in einfachen Holzhäusern, ein- oder zweistöckig, die nicht zu dicht beieinander stehen. Überall dazwischen gibt es Wiesen, Weiden, Obstbäume und Gärten, am See sogar ein Getreidefeld. 
Das Zentrum bildet unser Dorfplatz am Außenrand einer Biegung des großen Baches. Hier wächst auch eine Linde. Und hier steht unser Gemeinschaftshaus, als einziges vierstöckig und die beiden unteren Etagen sind aus Naturstein, die oberen aus Holz gefügt. Im Erdgeschoß liegt dort unser Gasthof, ein großes Kaminzimmer und verschiedene Büros. Der 1. Stock beherbergt unsere Bibliothek, einen größeren Salon, weitere Büros, sowie Bäder und Büroräume. Darüber gibt es verschiedene größere und kleinere Schlafzimmer. Der hintere Teil des Gebäudes geht über in den großen Saal von 300 qm mit 200 Sitzplätzen, dahinter ist ein kleiner stiller Raum von ca. 40 qm als Meditationsraum und an diesem ein kleiner Turm mit einer Glocke. 
Mit seinem anderen Ende berührt der Saal fast das Gästehaus, welches wieder an das Seminarhaus anschließt. Daneben ist die Schule, das Kinderhaus und das neue Haus für die Jugendlichen. Weitere Gebäude schließen den Kreis, in denen verschiedene Werkstätten, Studios und Labors untergebracht sind, an den Rückseiten liegen oft Ställe, Schuppen und Lagerräume. Wie gesagt, außer dem Gemeinschaftshaus (und dem Turm) bleibt alles aus Holz und nur ein- bis zweistöckig. Und hinter dem Häuserrund um den Dorfplatz stehen die Wohnhäuser eher vereinzelt, einige sogar sehr weit weg. In den meisten wohnen sechs bis zwölf Menschen. Es gibt ein Haus, in dem nur Frauen wohnen und eines nur für Männer. In einem probieren acht Leute die Gruppenehe, in einem wohnen zwei Familien zusammen, in einem nur Paare und in einem anderen nur Singels. Es gibt auch kleinere Hütten für zwei oder nur eine Person, davon sind die wenigsten von festen Bewohnern bewohnt, die andern werden als Hochzeithäuser, als zeitweilige Einsiedelei oder als Gästewohnungen benutzt. 
Dann gibt es noch den Campingplatz hinter dem Haus und die Freilichtbühne sowie unseren Ritualplatz hinter dem Saal. Ich selber wohne zusammen mit meiner Frau und vier anderen Leuten in einem zweistöckigen Blockhaus zwischen dem Gemeinschaftshaus und dem Hügel am Waldrand. Von unserer etwas erhöhten Veranda kann man das ganze Dorf sehen, rechts am Waldrand gluckert ein kleiner Nebenbach und dahinter, verborgen vom Birkenwald, rauscht leise der Wasserfall eines anderen Nebenbaches. Zur linken, Richtung Gemeinschaftshaus, stehen ein paar alte Eichen, vor mir sehe ich Wiesen und Weiden, hinter dem Haus ist ein Garten und dahinter die Himbeerhecke. 
Wie häufig, wenn ich an den Berichten aus Sommerland schreibe, ist es so zwischen 17 und 20 Uhr. Wir essen zur Zeit später zu Abend, da zwei unserer Mitbewohner in der Stadt arbeiten und täglich die weite Fahrt auf sich nehmen. Knapp die Hälfte unserer Bewohner arbeitet fest hier im Dorf, ein gutes Drittel hat halbe oder drittel Stellen hier und ist sonst freiberuflich tätig und nur einer hat einen Job hier und wohnt woanders. 
Ich liebe die frühen Abendstunden im späten Sommer, wenn es nicht mehr heiß ist und die Abendsonne alles ein wenig stiller macht. Gerade wollte ich über zeitliche Strukturen in Sommerland schreiben und da nimmt mich das zeitlose Rauschen des Wasserfalls gefangen. Ja es ist wie mit dem Lied des Wasserfalls, ewig gleich und immer anders. Am Anfang prallten bei uns sehr verschiedene Bedürfnisse aufeinander. Die einen brauchten ganz viel geregelte Zeiten, um sich wohlzufühlen, die anderen soviel Freiraum und Chaos wie möglich. Wir lösten das Problem nach unserer Devise, möglichst wenige, aber möglichst klare Regeln, und diese über lange Zeiträume ausprobieren. Die erste Vereinbarung lautete, wir richten alle anderen Termine an den acht Festen des Jahresrades aus. Diese dauern bei uns je zwei bis drei Tage, an Jul fünf Tage, wir begehen sie gemeinsam und das vier Jahre lang. Nach der Testzeit haben wir diese Praxis zur Dauerregel erklärt und sie funktioniert bestens. Zum Julfest haben wir kein Gästebetrieb und gehen fünf Tage als Gemeinschaft in Klausur. Dort wird unter anderem die Planung für das nächste Jahr von der Gemeinschaft beschlossen, neue Bewohner und Kandidaten aufgenommen die KoordinatorInnen? gewählt und ähnliche wichtige Beschlüsse gefällt. Da im Zentrum dieser Tage das Julritual und andere Festlichkeiten stehen, niemand sonst andere Verpflichtungen hat, ist in dieser besonderen Zeit quasi organisch auch die Jahreshauptversammlung unserer Genossenschaft, der unser Dorf formal-rechtlich gehört. Ähnlich ist es an Ostara, Lithe und Mabon. Wir kommen zur Frühlings- und Herbst-Tag-und-Nachtgleiche sowie zur Sommersonnenwende für je drei Tage zusammen. Für Rituale, Beschlußfassungen, Festessen und Tanz. Die vier anderen Jahresfeste dazwischen, Brigid, Beltane, Lughnasad und Samhein dauern bei uns nur je zwei Tage und sind mehr den inneren Themen gewidmet. Auch hier gibt es Fest und Ritual, aber weniger Beschlüsse und eher Beratungen im Plenum der Gemeinschaft. Die klare Orientierung an diesen acht Punkten im Jahr hat die Gemeinschaft zusammengebracht, wie kaum etwas anderes, hat unsere Verbindung zu unserem Platz und den Zyklen der Natur vertieft und einzelnen wie mir, die ständig unter Zeitmangel und Terminchaos litten, einen soliden Grundrhytmus beschert. An den acht Festen geht es um das Jahresrad und um die Gemeinschaft, Punkt aus! 
Die zweite Vereinbarung lautete, den beiden oben genannten Extrempositionen jeweils optimal entgegenzu-kommen, in dem wir unser Jahr in sehr geregelte und absolut frei zu gestaltende Wochen aufteilten. Die geregelten Wochen nennen wir Trimester und es gibt dreimal je zehn davon im Jahr: Das Wintertrimester von Mitte Januar bis Ende März, das Frühlingstrimester von Mitte April bis Ende Juni und das Herbsttrimester von Ende September bis Mitte Dezember. Mit Jul und Ostara beginnen je drei Wochen Winter-, beziehungsweise Frühlingspause. Und im Sommer sind von Lithe bis Mabon 16 Wochen Sommerpause. Das heißt nun nicht, daß wir nur 30 Wochen arbeiten und 22 Wochen im Jahr Urlaub machen. Es heißt aber, daß in den 30 Trimesterwochen vieles sehr viel geregelter und zeitlich strukturiert abläuft und in den 22 freien Wochen mehr Strukturlosigkeit, Flexibilität und individuelle Planung angesagt ist. Da ich im Seminarhaus arbeite, heißt das zum Beispiel für uns, daß wir Blockwochen jeweils vor den Beginn der Trimesterserie legen, und auch im Juli gerne ein paar Kompaktseminare veranstalten. An den Wochenenden nach Ostara und Mabon finden zwei öffentliche Konferenzen statt, unser Frühlings- und unser Herbsttreffen. Und am Wochenende nach Lithe findet unsere große Sommertagung statt, mit dem Sommerfest und der anschließenden Sommerakademie. Also, es sind nicht 22 Wochen Urlaub, und doch hat jeder von uns durch diese Strukturen viel mehr Freizeit und Planungssichereit gleichermaßen als vorher. Zwei Dinge waren uns bei dieser Entscheidung besonders wichtig: zum einen, klare Phasen mit Gästebetrieb und klare Phasen ohne viel Trubel zu haben. Zum anderen, gerade die Sommerzeit möglichst wenig mit Terminen einzuschnüren. Früher mußte ich im Urlaub viel reisen, heute verbringe ich den Sommer gerne zu Hause. Im Oktober arbeite ich wieder einige Wochen im Büro im Gemeinschaftshaus. Dann genieße auch ich mal die strengere Struktur unserer 30 geregelten Wochen. Ich arbeite dann fünf Stunden am Tag im Büro von 9 bis 12 Uhr, gehe zum Lunch ins Gemeinschaftshaus und arbeite noch mal von 13 bis 15 Uhr. Dann ist Teezeit im Gasthof, falls ich eine längere Mittagspause machen will gehe ich nochmal von 15.30 bis 18 Uhr ins Büro. Um 19.30 Uhr gibt es zu Hause Abendessen. Am Freitag kommen alle zum Tee im Gasthof zusammen, danach arbeiten wir circa eineinhalb Stunden zusammen da, wo viele Hände gebraucht werden. Und anschließend ist noch ein Plenum mit dem neuesten Tratsch aus der Gemeinde. Manchmal ist auch noch Samstagvormittag eine gemeinsame Arbeitszeit angesetzt. Auf jeden Fall gibt es am Sonntag um 19 Uhr eine gemeinsame Stunde mit Vorlesungen oder anderem und danach ein gemeinsames Essen, während sonst die meisten eher bei sich in den Wohngruppen essen. Und da ich Koordinator des Seminarbetriebes bin, treffe ich mich am Montag von 13 bis 15 Uhr, mit meinen MitarbeiterInnen? und um 15.30 Uhr zur Sitzung des Koordinationsrates, der zwischen unseren großen Versammlungen die Geschäfte regelt. Diese Zeiten, wie auch die Zeit für Gemeinschaftsarbeit am Freitag; sowie pro Nase zwei Stunden wöchentlich für Hausarbeit in den Wohnhäusern sind voll in die Pläne der verschiedenen Arbeitsbereiche integriert und werden als Arbeitsstunden angerechnet. 
Aber soviel Struktur gibt es erst wieder im Herbst. Heute morgen habe ich unseren Ziegenzüchtern beim Ausbessern eines Zaunes geholfen, heute nachmittag mit ein paar meiner Studenten eine Bergtour für die nächste Woche vorbereitet und dann im See gebadet. Und nun muß ich erst mal das Schreiben einstellen, denn heute bin ich dran mit dem Kochen des Abendessens. Und morgen gehe ich mit meiner Frau und zwei Freunden wandern. Ich muß nur abends pünktlich zurück sein da ich dann versprochen habe, als Kellner in unserer Kneipe auszuhelfen.

4. Von den Anfängen in Sommerland

( Abteilung 1 -3 )

Der kleine Wasserfall zu meiner Rechten singt heute leiser. Es war lange Zeit recht trocken. Die alte Eiche zu meiner Linken steht still und schweigt schläfrig. Die Himbeeren sind abgeerntet. Mein Sohn und seine Freundin haben das in den letzten Tagen erledigt. Ich sitze mit meinem Morgentee auf der Veranda und schaue auf die Weiden und Obstbäume vor mir. Die Eberesche und die alten Haselsträucher standen schon dort, bevor wir kamen. Es gab auch ein paar Fichten am Bach, die haben wir gefällt, sie gehörten nicht dorthin, so sagte uns der Bach. Ja, der Platz äußerte seine Wünsche sehr klar. Die vorigen Besitzer des Geländes hatten das Tal gut behandelt, aber um das alte Haus, welches nun unser Gemeinschaftshaus war, hatten sie doch ein wenig die Geister des Platzes verstört, als sie ihrem Geschmack entsprechend die Fichtenhecke pflanzten. Wir haben das wieder geändert, ja bis auf den Bereich, den wir ausdrücklich als Wildnis unverändert ließen, haben wir einiges hier an der Natur geändert. Aber wir sind nie starr nur nach unseren Plänen vorgegangen. Es gab zu allen Eingriffen immer ausführliche Beratungen mit den Lebewesen des Platzes. So konnten wir nicht wie beabsichtigt den Turm auf dem kleinen Hügel am Waldrand bauen, weil der Hügel uns unmißvertändlich klar machte, sein Gipfel sei ein Elfentanzplatz, wir könnten ihn auch gerne nutzen, aber bitte kein Gebäude draufsetzen. 
Ich trinke meinen Tee aus und muß schmunzeln bei dem Gedanken, wie der eine oder andere Leser nun die Stirn runzelt, bei der Vorstellung, den Platz im Dialog mit der Natur zur gestalten. Doch es war so, besucht uns und überzeugt euch! Heute habe ich den ganzen Tag frei, es wird warm werden, und ich sitze schon am Morgen hier, um von Sommerland zu berichten. Eine gute Zeit, um das Kapitel von den Anfängen zu schreiben, von unserer Ankunft auf dem Platz. Es war eine spannende Begegnung: der alte Platz und seine junge Braut, fast wie Flitterwochen. Der Platz, das Tal, war natürlich viel älter als unsere Menschengruppe. Wir waren acht Menschen und erst seit eineinhalb Jahren zusammen. Der Platz hatte seit Jahren wenig Kontakt mit Menschen gehabt. Die früheren Besitzer waren weggezogen. Und die Zeit der landwirtschaftlichen Nutzung lag noch viel länger zurück. Wir hatten uns intensiv vorbereitet. Wir hatten den ersten Visionsentwurf gemeinsam bearbeitet und uns konzeptionell zusammengerauft. Wir hatten einiges an gemeinschaftsfördernden Prozessen und Erfahrungen miteinander erlebt. Wir hatten eine Genossenschaft gegründet, um den Platz gemeinsam zu erwerben. Wir waren zusammen gewandert, hatten Rituale zusammen entwickelt und waren theoretisch in die Gedanken der Tiefenökologie eingestiegen. Wir hatten auch schon in Baumzeremonien und anderen Verfahren geübt, mit der nichtmenschlichen Mitwelt zu kommunizieren. Es war Juni als wir ankamen. Vier von uns konnten gleich dableiben, die anderen vier hatten bis Oktober Zeit und würden dann erst zu Jul einziehen. Wir bauten Zelte auf und lagerten zehn Tage wie flüchtige Besucher auf dem Platz. In der Zeit entstand der aktuelle Aufbauplan noch einmal neu. Wir hatten uns für die Anfangsphase von vier Jahren vorgenommen, von unseren neun geplanten großen Bereichen zuallererst drei zu verwirklichen. Das waren erstens die äußere materielle Gestaltung des Platzes und der Bau der ersten Gebäude, dann die Anlage von Gärten, Weiden, Obstbäumen und ähnlichem und schließlich eine ausreichende Basis, um auch unseren Freunden mit Kindern den Zuzug zu ermöglichen, das heißt ein Haus für die Kinder und möglichst bald eine Grundschule (Leute und Konzept für eine freie Schule hatten wir bereits, nun mußte Kontakt zum Umfeld aufgenommen werden). Allein für den ersten Bereich hätten wir gut zwei dutzend Fachleute gebraucht, die sich mit Geomantie, Landschaftsgestaltung, Wald-, Wasser- und Forstwirtschaft, Tief- und Straßenbau, Kanalisation, alternativen Energieverfahren, Heizungsbau, Kläranlagen, Kompostierung, Recycling, Holzbauweise, Naturstein und Zement, Sanitäranlagen, Elektro- und Metallarbeiten, Architektur, Tischlerei und Dachdeckerei auskannten. Heute haben wir in dem Bereich die Experten für das alles, aber damals waren wir auf die Hilfe unserer Freunde angewiesen, und die kamen und zwar gerne. Ende Juli war unser erstes Workcamp mit Gästen. Zehn Tage vorher kam die Bauleitung angereist. Zwei aus der Siedlerkerngruppe kannten sich mit Landschaftsarchitektur und Sanitäranlagen aus. Außerdem hatten wir fünf weitere Genossenschafter, die nicht selber gleich mit einziehen wollten, aber den Aufbau mitgestalteten. Darunter eine Architektin, ein Schreinermeister und ein Holzhäuserbauer, der den Aufbau unseres Dorfes später für seine Firma vermarkten wollte. Neben diesen und uns kamen zum ersten Aufbaucamp noch insgesamt fast 20 weitere Freunde und Helfer. Es dauerte sechs Wochen und ging dann in kleinerer Besetzung noch bis Oktober weiter. Die Leute bezahlten ihre eigene Anreise und brachten eigene Zelte mit. Wir, die wir nicht direkt zur Bauleitung zählten, verpflegten sie umsonst, sorgten für ein paar echte freie Tage und gestalteten ein Rahmenprogramm, in dem es um Naturerfahrung, Kommunikation mit den nichtmenschlichen Lebewesen, Ausflüge in die Berge, Einführung in die Tiefenökologie, Gemeinschaftserfahrungen und die Grundlagen des Konzeptes von Sommerland ging. Es war ein unvergeßlicher Sommer, dieser erste in Sommerland. Man merkte es auch der Natur um uns an, wie sie frohlockte. Nie zuvor war eine Gruppe von Menschen diesem Tal so bewußt, behutsam und liebevoll begegnet. Natürlich gab es auch Reibungen und Verwirrnis bei so viel neuen Leuten auf einen Platz. Aber wir als Kerngruppe waren gut vorbereitet und entschlossen, die Leitung des sensiblen Prozesses in der Hand zu behalten.Als die anderen das merkten, hatte auch kaum jemand Probleme, uns als Autorität hier anzuerkennen. Am Ende des Sommers wollte die Hälfte der Workcampgäste am liebsten sofort bleiben oder im nächsten Frühjahr einziehen. Sieben kamen dann tatsächlich. Heute wohnen zwei drittel der damaligen Teilnehmer fest auf dem Platz. Doch zunächst wurde es stiller im Herbst, einzelne Fachleute, teils auch gegen Bezahlung, reisten an, vereinzelte Bautätigkeiten liefen weiter. Und zwei von uns reisten in der Nachbarschaft herum und knüpften Verbindungen. Am Ende des Jahres war das alte große Haus, was wir vorgefunden hatten, fertig umgebaut und renoviert, drei kleinere alte Hütten waren als Werkstätten fertiggestellt, eine als Wohnhaus neu gestaltet und eine weitere abgerissen worden. Das Kinderhaus und das Gästehaus waren neu errichtet und im Rohbau fertig. Zum Julfest und unserer ersten Gemeinschaftsklausur in Sommerland (damals noch mit Gästen) waren wir gut zwei dutzend Menschen. Dann waren wir im Winter wieder alleine, schmiedeten Pläne, arbeiteten an Details oder fuhren auch jeweils für ein paar Wochen in die Stadt, um dort zu arbeiten und Geld zu verdienen. Im April des zweiten Jahres gab es ein kleines Workcamp, dann das große im Sommer, mit fast 40 Gästen, im Oktober arbeiteten noch 15 Leute als Workgäste. Und am Ende des zweiten Jahres in Sommerland waren das Kinderhaus, die Schule, das Gästehaus und mehrere Wohnhäuser fertig, Halle und Turm standen im Rohbau. Zum zweiten Julfest waren wir diesmal fast 40 Leute, die Genossenschaft hatte sich auf 45 vergrößert und wir acht nahmen nun zwölf neue Menschen als feste Mitbewohner auf. Das dritte Jahr verlief ähnlich, die Halle, das Seminarhaus und weitere Wohnhäuser und Hütten wurden fertig, wir hatten nun auch genug fachkundige Mitbewohner, um Gartenbau, Ziegen- und Schafherde und Fischzucht zu beginnen. Die ersten Kinder waren eingezogen und zusammen mit acht Kindern aus den Nachbardörfern wurde unser eigener Kindergarten im Kinderhaus eingeweiht. Noch konnten nur wenige von uns von ihrer Arbeit auf dem Platz selber leben. Viele nahmen oft weite Wege auf sich, um woanders Geld zu verdienen. Zu Jul kam der ganze Freundeskreis zusammen, Brigid, Ostara und Samhein feierten wir unter uns, aber in der warmen Jahreszeit, zu Beltane, Lithe, Lughnasad und Mabon kamen nun auch die Freunde von außerhalb regelmäßig. 
Im vierten Sommer konnten wir zum letzten mal alle die wollten zum Sommerworkcamp annehmen. Es war das letzte große Aufbaucamp. Aus dem Rahmenprogramm hatte sich mittlerweile eine Sommerakademie entwickelt. Und am Wochenende nach Lithe fand unser erstes öffentliches Sommerfest statt. Ca. 150 Leute kamen. Ein extra Haus für Jugendliche wurde noch gebaut. Die Schule und die Freilichtbühne eingeweiht und Hütten für Gäste errichtet. Die bisher interne Gaststube wurde nun zum durchgehend geöffneten Gästebetrieb und die interne Coop-Verkaufsstelle zu einem regelmäßig geöffneten Laden. Eine neue Phase stand bevor.

 
5. Sommerland wird ein Dorf

(Abteilung 4 - 6)

Mittlerweile ist es Mittag geworden, es ist warm und still, die Kinder sind fast alle am See, viele sind heute zu Ausflügen unterwegs, es herrscht Urlaubsstimmung, aber fast niemand von uns fährt weg. Es ist August, es sind auch keine Seminare oder Gästeveranstaltungen, nur ein paar Privatgäste leben in der Pension und eine Gruppe Bergwanderer wird morgen anreisen, um mit mir eine mehrtägige Tour durch die umliegenden Berge zu machen. Ich habe mir etwas Ziegenkäse geholt und trinke Apfelmost dazu. Ja die Aufbaujahre hatten ihren eigenen Charme, wir lebten als kleine Kerngruppe von anfangs acht, später 35 Leuten fest hier und nur zu den Jahresfesten und im Sommer strömten alle unsere Freunde nach Sommerland. Aber wir hatten in diesen vier Jahren die Grundstrukturen aufgebaut und soviel investiert, daß wir nun im fünften Sommer den nächsten Schritt wagten und Produktion und Dienstleistung, die uns sinnvoll erschienen bei uns im Dorf installierten, um damit mehr Menschen von uns die Möglichkeit zu schaffen, hier dauerhaft zu leben. Die Fachleute aus der Gelände - und Gebäudeaufbauphase hatten nun weniger bei uns zu tun und suchten andere Aufträge. Unser Holzbauunternehmer siedelte sich nun ganz und mit seinem Betrieb bei uns an. Es entstanden mehrere Ingenieur-, Architektur-, Umwelt- und Planungsbüros und Werkstätten aus unserem ersten Bereich. Landwirtschaft und Gartenbau waren konzeptionell auf Selbstversorgung und nicht auf Expansion auf große Märkte ausgerichtet. Dennoch gab es Überschüsse, und aus deren Verkauf entwickelten sich erste Handelsbeziehungen, Gemüse und Obst in geringem Umfang, etwas Ziegen- und Schafskäse am Anfang. Später Fisch und Honig. Im 5. Jahr schafften wir uns Schweine und Geflügel an und bauten Kartoffeln in großem Stil an. Ebenso begannen wir, Strom zu verkaufen. Was wir mit Wind und Solaranlagen produzierten, hätte nicht mal den Eigenbedarf gedeckt. Aber mit der Energiegewinnung aus Wasserrädern und Turbinen erwirtschafteten wir sogar Überschüsse. Rinder kamen im 6. Jahr, Pferde im 7. Jahr (auf Wunsch der Kinder) nach Sommerland. 
Getreideanbau wollte niemand machen. Er schien sich für unsere kleine Fläche auch nicht zu lohnen. Aber als im 5. Jahr jemand eine Mühle an ein Wasserrad anschloß und in Betrieb nahm, daneben später die eigene Bäckerei entstand und schließlich sich sogar ein pensionierter Braumeister bei uns niederließ und zwei begeisterte Mitarbeiter fand, die unter seiner Anleitung anfingen, eigenes Bier zu brauen, da kam dann doch der Wunsch auf, es auch mal mit eigenem Getreide zu versuchen. So haben wir im letzten Jahr zum ersten Mal eine Ernte eingebracht, es war neu, und viele haben gerne geholfen. Unsere Bauern haben ein Händchen dafür, höchst motivierende Erntearbeitsfeste zu gestalten. Aber ob sich das ganze über die Freude an der gemeinsamen Arbeit hinaus (die ja auch erstmal neu war) wirklich rentiert, werden wir erst nach Abschluß der vierjährigen Testphase entscheiden. 
Schon während der ersten Jahre gab es einen internen Laden. Er diente zunächst dem Einkauf, denn wir brauchten noch vieles von außen. Diese Funktion hat er auch heute noch, aber er wurde schließlich auch zur Zentrale der Lebensmittelkooperative, die unsere Überschüsse verkauft, und hat heute eine wichtige Funktion im Dorf und der Region übernommen. Viele Einzelbereiche, die sich in der Region nicht rentierten, sind hier in einer Art Drugstore zusammengelegt worden. Unser Laden ist klein, aber er hat fast alles, oder man kann dort fast alles bestellen. Und das hat sich herumgesprochen, sodaß heute auch regelmäßig Menschen von außerhalb zum einkaufen kommen. Einige Nachbarn bringen ja auch regelmäßig ihre Kinder zu uns in den Kindergarten und die Schule. Vor zwei Jahren haben wir nun auch einen Abholdienst organisiert. Die Sommerlandpädagogik hat auch Menschen überzeugt, die nicht selbst bei uns wohnen, sodaß unsere Kinder fast in allen Gruppen auch mit Kindern von außen zusammen spielen, leben und lernen. Die Kinder, die das wollen, können auch im Kinderhaus zusammen wohnen. Die Sommerlandpädagogik fußt im wesentlichen auf Summerhill, indianischen Lehren und der modernen Tiefenökologie. Unsere Kinder haben von klein auf Kontakt zur Natur, der nicht von Erwachsenen geregelt wird. Und unsere Grundschule ist nicht in die herkömmlichen Schulklassen unterteilt. Die erste bis vierte Klasse lernen zusammen, die Kleineren lernen von den Größeren. Der Unterricht ist sehr erlebnisorientiert und neben unseren beiden Lehrern sind fast alle im Dorf mal dort oder die Schule bei ihnen, um die Arbeiten und Fertigkeiten der Erwachsenen kennenzulernen. Unbegleitetes Spielen und begleitete Abenteuertouren gehören fest in den Unterricht. Schreiben, Lesen und Rechnen sind keine Extrafächer, sie werden meistens nebenbei während bestimmter Abenteuer erlernt. 
Die Zehn- und Elfjährigen (die Großen) haben einen Extraverband. Sie gehen zur Sommerlandbasisschule. Diese haben wir als Zusatzschule eingerichtet, solange wir noch keine eigene weiterführende Schule haben. In der Basisschule geht es dann richtig um Wissen und Fertigkeiten, dann wenn die Kinder statt spielen auch etwas können wollen, geben wir ihnen Wissen und Anleitung zum praktischen Tun. Ungefähr ein Drittel ist dort Theorieunterricht, ein Drittel handwerklicher oder künstlerischer Natur und ein Drittel ist lernen in und von der Natur. Frühestens mit 12 spätestens mit 14 können sie vom Kinder- ins Jugendhaus umziehen. Für die 12 bis 14jährigen findet dort schulbegleitend die Initiationsgruppe statt. Dort nehmen sie bewußt Abschied von der Kindheit und werden von den Erwachsenen auf das Erwachsenenleben vorbereitet. Mädchen lernen von Frauen und Jungen lernen von Männern. Sie wissen, nach der Initiationsfeier kommen Pflichten und Aufgaben als Erwachsene auf sie zu. Jeder und Jede lernt einen Bereich im Dorf kennen, indem sie ab 15 regelmäßig mitarbeiten wird. Dann ist es endlich soweit. Alle die bis Lithe 15 geworden sind, werden am Sommerfest nach längerem Initiationsritual (wo sie unter anderem rituelles Fasten, Schweigen und Visionssuche erlernt haben) in den Bund der Frauen oder den Bund der Männer von Sommerland aufgenommen. Die anderen kommen dann halt nächstes Jahr dran. 
Ähnliche, aber weniger aufwendige Übergangsriten werden zur Taufe, zum Schulbeginn und mit 18 zelebriert, wenn sie als vollberechtigte Mitglieder in die Erwachsenengemeinschaft aufgenommen werden. Wie gesagt, viele finden unsere Pädagogik so sinnvoll, daß wir nicht nur Kinder und Jugendliche aus den Nachbardörfern bei uns haben, sondern auch eine Art Internat für die, die von weiter weg kommen. Für einige gibt es auch Lehrstellen bei uns im Dorf. Neben den schon genannten Betrieben haben sich in den letzten Jahren noch bei uns angesiedelt: eine Tischlerei, eine Schlachterei, eine Druckerei, ein Musikverlag, eine Computerzentrale, ein Videostudio, ein Verlag, eine Weinhandlung, eine psychotherapeutische Praxis und Sexualberatungsstelle, sowie eine Gemeinschaftspraxis mit Ärztin, Heilpraktiker, Hebamme, Gesundheitspraktiker und Krankenpfleger. Im Aufbau begriffen ist eine Klinik für natürliche Lebensvorgänge, als Geburtshaus, Hospiz usw. Ja und wer schon mal hier ist, sei es zum Einkaufen, Kinder abholen oder sonstigem Anlaß, der wird auch gern unsere Kneipe besuchen. Eigentlich war die unser erster Betrieb, der funktionierte, noch vor dem Laden und ist aus unserer zentralen Gemeinschaftsküche entstanden. Sie lief aber in den ersten Jahren nur intern und war nur im Sommer zu Workcamps und Tagungen geöffnet. Aber seit dem 4. Sommer läuft sie als eigener Betrieb, und findet auch Zuspruch von außerhalb, und ganz besonders seit dem wir unser eigenes Bier brauen. Sie bildet zusammen mit dem Gästehaus den vierten Bereich in unserer Prioritätenfolge. Wir verfügen dort über 60 Betten, verteilt über 10 Einzel-, 10 Doppel-, und mehrere Mehrbettzimmer. Außerdem gibt es noch ein paar Hütten und im Sommer den Campingplatz. Neben einzelnen Pensiongästen, denen wir bei Interesse ein unaufdringliches Naturbegegnungsprogramm anbieten, haben wir, über die Praxis vermittelt, oft einzelne Kurgäste oder Langzeitpatienten. Den Hauptteil der Übernachtungsgäste stellen aber die Teilnehmer aus dem Seminarbetrieb. Das ist der fünfte Bereich unserer Aufbauprioritäten gewesen, und er hat sich vom ersten Workcamp an schon zum wichtigsten Bindeglied nach außen entwickelt. Es begann mit den großen Workcamps im Sommer und unseren Rahmenprogrammen. Daraus wurde die Sommerakademie, deren Kurse man heute auch losgelöst von Workcamps besuchen kann. Es gibt das Herbsttrimester mit der Herbsttagung, das Wintertrimester und das Frühlingstrimester mit der Frühjahrstagung. Neben Workcamps, die in kleinem Rahmen immer noch angeboten werden, gibt es Kurse in Naturerfahrung, Gemeinschaftserfahrung, Ritualentwicklung, Tiefenökologie, Theateranthropologie, Rituellem Spiel, Soziotherapie, Schamanismus, Tai Chi, Tantra, Philosophie, Tiefenpsychologie, vergleichende Religionswissenschaften und vieles mehr. Hauptträger der Seminar- und Tagungsarbeit ist das Konvergenzbildungswerk, in dessen Leitungsteam ich mitarbeite, und das schon Ende des letzten Jahrhunderts in Hannover gegründet wurde. Das Bildungswerk ist außerdem Träger des Theateranthropologischen und soziotherapeutischen Labors, in dem unter anderem das Konvergenztraining angeboten wird, und des gleichnamigen Institutes, welches wir noch im Rahmen eines befreundeten Stadtzentrums in der Großstadt betreiben, sowie eines tiefenökologisch orientierten Akademiker-Ringes, über den wir inzwischen weltweit Themen und Dozenten austauschen. So ist Sommerland mittlerweile ein ganzes Dorf geworden, welches aber nicht vor sich hinschläft, sondern mit der Welt und ihren Themen sehr aktiv verbunden ist. Der genannte Akademiker-Ring ist so von unserem Platz begeistert, daß wir bei den drei großen Treffen im Jahr regelmäßig voll ausgebucht sind. Der Gästebereich, der Seminarbereich, und die anderen Betriebe, die hier anzusiedeln unsere sechste Priorität war, haben es ermöglicht, daß mittlerweile fast alle, die hier leben auch hier arbeiten können. 

 

"Komplexere Zeremonien zeigen, wessen es bedarf, um die Libido

aus ihrem natürlichen Strombett -nämlich der alltäglichen Gewohnheit-

abzuleiten und einer ungewohnten Tätigkeit zuzuführen.

Der moderne Verstand glaubt, dies mit einem bloßen Willensentschluß erreichen

und dabei aller magischen Zeremonien entraten zu können."

C.G. Jung

 

6. Die inneren Bereiche von Sommerland

(Abteilung 7 bis 9)

Es hat in den letzten Wochen viel geregnet. Da es mir draußen zu kalt ist, sitze ich in meinem Zimmer über der Veranda und beobachte die letzten Nebelschleier, die noch um unsere Obstbäume wehen. Es ist früh am Morgen und von überall höre ich die Geräusche des beginnenden Tages. In der Küche klappert jemand herum und drüben vom Gemeinschaftshaus her höre ich schon Stimmen. Irgend jemand schimpft herum, weil die Gartenmöbel der Kneipe draußen stehengelassen wurden und nun naß geworden sind. Eigentlich wollte ich mich dort heute mittag mit der Chefredakteurin unserer Zeitung treffen, aber wie es aussieht werden wir uns doch eher reinsetzen. 
Die Zeitung ist der Kern unseres siebten Bereiches. Über die Arbeitsbereiche 7 - 9 habe ich noch nichts berichtet. Das liegt nicht daran, daß sie weniger wichtig sind, sondern daß sie nicht zu einem gesonderten Zeitpunkt aufgebaut wurden. Sie sind zum Teil parallel und sogar schon vor der Gründung unserer Siedlung entstanden. 
Die Zeitung ist das Herz unseres "Außenministeriums". Als die Kerngruppe sich damals zusammenfand, war auch eine Journalistin dabei, die unsere alte Idee von der jeweils zu Jul, zu Ostara, zu Lithe und zu Mabon erscheinenden Quartalszeitschrift freudig aufnahm und zu ihrem Projekt machte. Wir glaubten damals, es sei noch ein langer Weg bis Sommerland und wollten wenigstens einige Aspekte davon auch schon unseren Freunden in der Stadt näher bringen. Wir hatten bereits angefangen, zu den Quartalen sogenannte Trimesterprogramme herauszugeben. Außerdem gab es einen Kreis, der sich schon zu den Festen des Jahresrades traf. Zudem wollten wir die Werbung für die Veranstaltungen der Konvergenzgesellschaft und befreundeter Menschen bündeln und mit inhaltlichen Berichten kombinieren, welche wiederum die Verbindung von unserem Vorhaben zur Gesellschaft um uns herum einerseits und zu den Zyklen des Jahres andererseits herstellen sollte. Das blieb jahrelang nur eine Idee, bis dann jemand da war, die diese Idee zu ihrem Job machte. 
Nach vier Probenummern hatte die Zeitschrift (nach einigem hin und her) eine Auflage von 200 Stück erreicht, die auch tatsächlich verkauft wurden. Mehr schien nicht drin zu sein. Aber als es dann los ging mit Sommerland, änderte sich das. Zum Glück hatten wir in weiser Voraussicht die Zeitschrift schon vorher auf die Beine gestellt, in der Aufbauzeit von Sommerland wären wir dazu wohl nicht gekommen. Nun schnellte die Auflage hoch. Die Teilnehmer des ersten Workcamps wurden zu den wichtigsten Multiplikatoren. Zur Julausgabe des zweiten Jahres von Sommerland stieg die Auflage auf 1000 Stück und von da an beständig. Heute sind wir bei 5000. Die Zeitschrift geht regelmäßig in mehrere Länder. Es gibt seit einem Jahr auch eine englische und eine norwegische Ausgabe. 
Im Moment wird überlegt, ob sie zu allen acht Jahresfesten erscheinen soll. Ich persönlich bin noch dagegen, weil ich Angst vor der Hatz und Oberflächlichkeit des Kurzzeitjournalismus habe, aber meine Kollegin lacht dann nur und fängt dann auch noch mit ihren Visionen vom Wochenblatt an. 
Neben der Zeitschrift haben wir mittlerweile auch die eigene Druckerei, den Verlag mit einem ersten Bücherprogramm, ein Musikstudio und eine Videoproduktion aufgebaut. Der Vertrieb geht über unser Stadtzentrum, Freundeskreise, Buchläden und über das Netzwerk. 
Gleich neben dem Redaktionsbüro ist das Netzwerkbüro, wo permanent Informationen von ähnlichen Projekten in aller Welt eingehen, und von wo auch unsere Impulse zu den anderen weitergeleitet werden. Mittlerweile ist es Tradition geworden, daß ein wichtiges Arbeitstreffen der globalen Netzwerkorganisation alle zwei Jahre zur Sommertagung in Sommerland stattfindet. Etwa zur gleichen Zeit jährlich trifft sich hier auch der Beirat. Das ist ein Gremium aus Wissenschaftlern, Künstlern und Politikern, die wir eingeladen haben, unser Projekt zu begleiten und die uns heute ein große Hilfe sind beim Umgang mit staatlichen Institutionen. Ich habe mir noch einen Tee geholt und draußen wird es wärmer. Vor mir steht ein Schälchen mit Heidelbeeren die ich gestern beim Abendspaziergang gepflückt habe. Ich war mit meiner Frau, einem Freund und unserer Bürochefin auf unserem Hausberg. Ja, eine Bürochefin haben wir hier auch. Sie sitzt in der Zentrale im Gemeinschaftshaus. Anfangs hat sie die ganze Verwaltung allein gemacht. Mittlerweile hat sie fünf Mitarbeiter und ist als Koordinatorin der Zentrale auch für die Zusammenarbeit mit den Büros der verschiedenen Bereiche zuständig. Der achte Bereich ist unsere Zentrale. Er ist eigentlich kein eigener Bereich. Hier wird eher alles, was die einzelnen Bereiche überschreitet und die ganze Gemeinschaft berührt aufeinander abgestimmt und verwaltet. Hier trifft sich der Koordinationsrat. Hier ist der Sitz der Genossenschaft, welche die offizielle Eigentümerin und Betreiberin von Sommerland ist. Hier sitzt die Konvergenzgesellschaft, die mittlerweile ein Freundes- und Fördererverein von 500 Mitgliedern geworden ist. Und hier ist die Anmeldung für Gäste und Besucher. Und in unmittelbarer Nachbarschaft sind die Büros vom Bildungswerk, Labor und Stadtinstitut. Auch die Redaktion und das Pressebüro sind hier mit im Gemeinschaftshaus untergebracht. Obwohl die einzelnen Bereiche von Sommerland ihre Angelegenheiten weitestgehend selbständig und dezentral regeln, bleibt dennoch eine Menge über, die die ganze Gemeinschaft betrifft. Vier- bis achtmal im Jahr werden bei uns zu den Jahresfesten von der ganzen Gemeinschaft Beschlüsse gefällt. Natürlich müssen diese vorbereitet und transparent gemacht werden. Auch muß zwischendurch mal was entschieden und die alltäglichen Details koordiniert werden. Dafür gibt es den Koordinationsrat. Jeder Bereich wählt an Jul für ein Jahr eine Koordinatorin oder einen Koordinator, sowie einen oder mehrere Assistenten als Stellvertreter. Diese KoordinatorInnen? treffen sich nun zwischen den Versammlungen der ganzen Gemeinschaft an jedem Montag direkt im Anschluß an ihre jeweiligen Bereichsbesprechung in der Zentrale zum Koordinationsrat. Hier werden die alltäglichen Details des Dorflebens miteinander ausbalanciert und geregelt. Die KoordinatorInnen? wählen einen Sprecher aus ihren Reihen, ein anderer aus ihren Reihen wird an Jul von der Gemeinschaft gewählt. Diese beiden SprecherInnen? des Koordinationsrates bilden für ein Jahr die Repräsentanten des ganzen Dorfes nach innen und außen. Mittlerweile ist es wieder trocken und richtig warm geworden. Ich bin wieder auf die Veranda umgezogen und die Hummel hat mich gerade besucht. Bei meinem Treffen mit unserer Zeitungschefin in der Kneipe eben hat sie mich gebeten, einen Artikel über den SOC zu schreiben. Die Chefredakteurin natürlich, nicht die Hummel, oder...? Wie dem auch sei, ich will es versuchen. SOC ist unser neunter Bereich und eigentlich auch kein eigener Arbeitsbereich, eher eine Art Wächtergremium oder Ältestenrat. SOC heißt "Spirit of Convergenz" und ist ein Bund von derzeit neun Frauen und Männern von Sommerland, deren Aufgabe es ist, die Gemeinschaft spirituell und rituell zu begleiten und darauf zu achten, das bei allen Aktivitäten, Sorgen und Freuden und Herausforderungen des Alltags die großen Sinnlinien und Zielgestalten von Sommerland nicht aus dem Blick geraten. Sie sind sogar zu einer gewissen Abgehobenheit verpflichtet und sollten nicht als Koordinatoren oder in ähnlichen Funktionen im Mittelpunkt des täglichen Managements stehen. Ihre Funktionen in Sommerland können vage mit den alten Funktionen von Priesterinnen oder Schamanen verglichen werden, mit dem Unterschied, daß wir eben keine zentralisierte Glaubensgemeinschaft sind, wo alle aus der gleichen Tradition kommen. Die Aufgaben des SOC gliedern sich im Wesentlichen in fünf Bereiche :

1. Die Gestaltung der Rituale für die Gemeinschaft. Das sind in erster Linie die Jahresfeste, die Initiations-, und Übergangsriten. Darüberhinaus gelegentlich auch Mondfeste, Visionssuchen und andere Zeremonien.

2. Ritualforschung und das Rad von Konvergenz. Hier geht es um das Offenhalten des Kontaktes zu den verschiedenen Traditionen, die Balance zwischen ihnen, die praktische Erprobung ritueller Details, sowie die vergleichende Erfahrung mit verschiedenen Systemen.

3. Die Ausbildung derer, die sich auch für diesen Bereich kompetent machen wollen. So wird zum Beispiel eine Jahresgruppe innerhalb des Konvergenztrainings von einer Frau und einem Mann aus dem SOC begleitet.

4. Die Unterhaltung eines Ritual-Service-Angebotes nach außen. Der SOC betreibt die Firma Rat und Tat, einen Service für persönliche, gemeinschaftliche und jahreszeitliche Übergangsriten und Zeremonien, für spirituelle und transkonfessionelle Rückbindung (dieser Dienst wird sowohl von der Nachbarschaft als auch in entfernten Städten gerne und immer häufiger in Anspruch genommen).

5. Die fünfte Aufgabe des SOC ist seine sensibelste Funktion für die Sommerlandgemeinschaft. Er ist der Hüter des Weges. Das heißt im Sinne des Geistes des Gründungsmanifestes von Sommerland hütete er die Flamme der Vision. Er achtet also darauf, daß die Gemeinschaft nicht blind vom Tagesgeschehen den selbstgesteckten Weg verliert. Dazu hat er das Recht, gegen jeden Beschluß des Koordinationsrates und sogar des Gemeinschaftsplenums sein Veto einzulegen. 
Aber hier muß ich präziser sein. Diese fünfte Funktion hat nicht der gesamte SOC, sondern nur der "Rat der Behüterinnen und Behüter" inne. Von den neun Mitgliedern des SOC sind fünf Kanditaten, die zwar in allen anderen vier Funktionen mitarbeiten, aber noch keine vollen PriesterInnen?sind. Dazu haben sich bisher erst vier der SOC - Mitglieder ausgebildet. Zu diesen vier kommt noch eine Person von außerhalb des SOC die von der Julversammlung für die Dauer von fünf Jahren gewählt wird. Und diese fünf bilden derzeit den "Rat der Behüterinnen und Behüter". Dieser Rat tritt so gut wie nie in Erscheinung und dieser Rat ist es, der mit dem Vetorecht ausgestattet ist.  Er darf sein Veto aber nur einstimmig einlegen und er darf dem Gemeinschaftsrat Vorschläge machen, aber keine eigenen Beschlüsse fällen. Und die Mitglieder des "Rates der Behüterinnen und Behüter" verzichten für die Zeit, in der sie in dieser Funktion sind, dafür auf ihr persönliches Stimmrecht in der Gemeinschaftsversammlung.  Von diesem Vetorecht wurde bisher noch nie Gebrauch gemacht. Mein Eindruck ist, daß das bloße Vorhandensein des Rates sich schon im Bewußtsein der Gemeinschaft niederschlägt und für genügend Weisheit im Alltag sorgt. Ich selbst arbeite mit im SOC und soll demnächst als Priester initiiert werden, aber ich will noch nicht Mitglied des Rates werden, weil ich in der Leitung des Seminarbereiches noch soviel gestalten will. Ich weiß noch nicht, was uns da für eine Lösung einfallen wird.

"Letztlich müssen all diese Probleme als verschiedene Facetten

ein und derselben Krise gesehen werden,

welche zum Großteil eine Krise der Wahrnehmung ist."

F. Capra

 

"Und dieser Schmerz um unsere Welt kann nicht auf ein persönliches Problem reduziert werden."

J. Macy

 

"Aber die Persönlichkeit ist in einer größeren, universelleren Identität verankert.

Salzige Überreste archaischer Ozeane fließen durch unsere Adern,

die Asche erloschener Sterne erwacht in unserer genetischen Chemie zu neuem Leben.

... Der Kern des Bewußtseins ist das ökologische Unbewußte.

Für die Ökopsychologie ist die Unterdrückung des ökologischen Unbewußten

die tiefste Wurzel des kollektiven Wahnsinns in der Industriegesellschaft;

offener Zugang zum ökologischen Unbewußten ist der Weg zur Heilung."

T. Roszak

 

7. Das globale Dorf und die Weltreligion

Heute ist ein bewegter Tag. Wind ist aufgekommen und jagt Wolken über den Himmel. Bäume und Gräser wiegen sich in lebhaften Rhytmen und der alte Eichenmann zu meiner Linken fuchtelt aufgeregt mit seinen Blätterarmen im Wind. Meine Hummel ist wieder verschwunden und der kleine Wasserfall ist im Wind kaum zu hören. 
Heute habe ich Post gekriegt von zwei Studenten, die im letzten Jahr das Konvergenztraining hier abgeschlossen haben, und die nun in der Nähe ihrer Heimatstadt eine kleine Gruppe gegründet haben, um ein eigenes Projekt, inspiriert von Sommerland aufzubauen. Sie werfen in ihrem Brief Fragen auf, die ich kaum beantworten kann. Die eine zielt auf die Zukunft von Sommerland, die andere auf das globale Netzwerk und wieviele Chancen ich diesem einräume, den destruktiven Tendenzen des alten Mainstreams auf Dauer etwas entgegenzusetzen. Ich ahne nur, daß beides wohl miteinander zu tun hat. Nein, das Wachstum von Sommerland wir nicht ewig so weitergehen. Wir haben unser Dorf, wir können hier leben und arbeiten und wir leben mit dem Land und dessen anderen Bewohnern zusammen. Es sollen hier nicht mehr als 100 Menschen dauerhaft leben und der Gästebereich soll auch nicht erweitert werden. Natürlich freuen wir uns, wenn wir andere begeistern können von der Sommerlandidee. Und ich kann mir auch vorstellen, das es irgendwann mal wieder sinnvoll oder notwendig sein kann, gezielt an einigen ganz besonderen Punkten der Erde auch größere Gemeinschaften, vielleicht kleine Städte mit bis zu 10.000 Menschen zu errichten, aber noch ist es nicht soweit. Das Bewußtsein der Verbindung mit dem Platz auf dem man lebt, muß erst wieder zum Allgemeingut unserer Kultur werden und dem sind Menschenansammlungen ab einer gewissen Größe einfach abträglich. 
Die Sommerlandidee ist ja aber auch nicht auf ein Dorf beschränkt. Es gibt schon eine ganze Reihe kleiner Gruppen im Freundeskreis der Konvergenzgesellschaft, die angefangen haben, so was wie Ableger von Sommerland an anderen Orten zu gründen. Bei einem größer und dichter werdenden Netzwerk ähnlicher Orte kann ich mir auch eine moderne Form des Nomandentums wieder vorstellen. Kleine Gemeinschaften, die von Ort zu Ort ziehen, und damit auch Verbindungslinien von Erdbewußtsein schaffen, und auch außerhalb der wieder bewohnten Plätze bewirken. Auf der letzten Netzwerkkonferenz hat jemand den Vorschlag gemacht, die Projekte mögen sich doch gemeinsam ein Schiff kaufen, vielleicht in Zusammenarbeit mit Greenpeace, und damit auf den Meeren zwischen den Orten des Netzwerkes zu kreuzen. Auch unser Stadtzentrum hat sich verwandelt. Anfangs war es nur als verlängertes Standbein von Sommerland in der Stadt gedacht, um dort Geld zu verdienen, zu wohnen, wenn man gerade in der Stadt arbeiten mußte und vor allem, um dort die Sommerlandidee an die Leute zu bringen. Ich dachte, wenn unser Dorf erst richtig läuft und lebensfähig ist, dann würde das Stadtzentrum langsam absterben. Dem war aber nicht so. Als die Leute unserer Gründergeneration nach Sommerland übersiedelten, hatten sie schon in der Stadt so viel "Nachfrage" produziert, daß eine zweite Generation von Betreibern nun das Stadtzentrum auf eigene Kappe betreibt und eng mit uns kooperiert. Wir brauchen auch diese Zentren in den Städten überall, damit es Berührungen und Austausch gibt zwischen den wieder bewohnten Plätzen und der alten Kultur. Viele Menschen nehmen gern an Einzelaspekten unserer Arbeit teil, ohne gleich fest in eine Gemeinschaft übersiedeln zu wollen. Noch gibt es auch gar nicht genug Gemeinschaften, um alle aufzunehmen die wollen. Es wird ein Überlebensthema der kommenden Jahre sein, wie sich Menschen ermächtigen solche tiefenökologischen Gruppenbildungsprozesse initiieren, kompetent leiten und verwirklichen zu können. Das war auch eine Idee auf dem Netzwerktreff, dazu eine "Planet-Earth-Unversity for Deep Ecology Development" einzurichten. Und je größer die Vorstellungen von der Entwicklung des Netzwerkes werden, umso mehr braut sich natürlich auch die Gegenfrage zusammen. Kann es denn gelingen? Haben wir tatsächlich die Kraft dazu? Sind wir nicht viel zu wenige? Ist die Mehrheit derer, die bewußt oder unbewußt, zufrieden oder abgestumpft, freiwillig oder gezwungenermaßen, als Privilegierte oder Ausgestoßene und Verzweifelte im alten System mitlaufen nicht immernoch erdrückend und übermächtig? Ja, sie ist es, und die Frage, ob wir das alte System überleben oder das alte System uns, ist noch nicht entschieden. Aber wir bewegen uns auf die Entscheidung zu. Die Möglichkeiten beider Wege werden allmählich sichtbarer. Diese Auseinandersetzung ist kein Krieg im herkömmlichen Sinne, diesen würden wir wohl verlieren. Es geht bei der Wiederverbindung mit der Erde doch zuallererst um die Herzen und Hirne der Menschen. Um das, wonach wir alle, nicht nur wir hier oder nur die in den alten Systemen, nein, wonach wir alle uns sehnen und was wir alle im tiefsten Inneren glauben. Nun mag unser Sommerland dem Einen oder der Anderen vielleicht zu idyllisch oder zu langweilig erscheinen, aber eine irgendwie ähnliche Sehnsucht nach einem sinnlichen und sinnvollen Leben in lebendigem Kontakt mit Anderen und der Natur findet doch in jedem Menschen Resonanz, der noch ein Gespür für die wurzelzerstörende Macht der alten Kultur hat. Bei den meisten kann dieses Gespür und diese Sehnsucht aber nicht bis an die Oberfläche des Bewußtseins oder gar in die Bereiche handelnder Konsequenz vordringen, weil die herrschende Weltreligion dagegen einige Absicherungen eingebaut hat. 
Schauen wir uns diese globale Weltreligion doch einmal genauer an. Wir neigen dazu, sofort auf den Konsumterror, die Volksverdummung durch die Medien, das Gewinnstreben allgemein, den Materialismus oder den Kapitalismus im Besonderen zu schauen. Andere sehen die christliche Moral, den Kolonialismus, das mechanistische Weltbild der abendländischen Wissenschaften, das Patriarchat oder die Erfindung des Ackerbaus als Wurzel aller Übel an. Die Erwähnung all dieser Aspekte ist sicher richtig, obwohl sie sich zum Teil auch gegenseitig widersprechen, haben sie schon etwas miteinander und mit der Weltreligion zu tun, die uns heute global im Griff hält. Doch all diese Aspekte erhellen noch nicht ihren okkulten Kern, welcher die wirkliche Macht ausübt auf das Bewußtsein der Menschen. Sprachforscher, Verhaltensforscher und die moderne Gehirnforschung weisen darauf hin, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen Sehnsucht und Sucht. Wem es gelingt, uns von unseren Wurzeln abzuschneiden, von dem Ort an dem wir leben, genauso wie von unserer tiefsten, allerpersönlichsten und heiligsten Sehnsucht (im indianischen Kontext auch Kindfeuer genannt), der erlangt Macht über unser Denken. Wenn die Indianer Nordamerikas angesichts des Landraubes durch die weißen Eroberer sinngemäß sagten "irgendwann wird auch der weiße Mann verstehen, daß er Geld nicht essen kann" dann hatte das nicht nur eine materiell-ökologische Wirklichkeit, dieser Satz steht auch als Symbol für Entfremdung von Wirklichkeit schlechthin. Dolores La Chapelle hat in ihren Werken für mich einleuchtend auf den Zusammenhang von Kolonialismus, Kapitalismus, und Sucht hingewiesen. Ohne den Kolonialismus, welcher den dynamischsten Ländern die spätere Industrialisierung, und insbesondere England einen ungeheuren Reichtum bescherte, und den gesteuert und bewußt inszenierten Drogensüchten (Alkohol bei den Indianern, Tee in England, Kaffee und Tabak in Europa, Opium in China) wäre der Aufschwung des Kapitalismus in dieser Form undenkbar gewesen. Doch nicht nur den Indianern wurde ihr Land geraubt. Der größte Teil der englischen Landbevölkerung mußte vom eigenen Boden abgeschnitten werden (die große Landreform zugunsten der Großgrundbesitzer), um als Sklaven für die Industrie ausbeutbar zu werden. Wir heutigen neigen dazu, Sucht nur als individualpsychologisches Phänomen zu betrachten. Aber Suchtverhalten ist die Basis unseres Wirtschaftssystems. Ohne Suchtstrukturen wäre es unmöglich, massenhaft Dinge zu produzieren und zu verkaufen, die niemand wirklich braucht. Der Süchtige glaubt natürlich, daß er seinen Stoff braucht. Und dieser Glaube beherrscht unsere Kultur. Der Süchtige hat den Kontakt zu seiner wirklichen Sehnsucht verloren, er hat etwas, was nicht wirklich sein Leben ausmacht und die Verbindung zum Ganzen herstellt, zu seinem Heiligsten gemacht. Auch wenn wir keine Fixer sind, verhalten wir uns fast täglich so. Fast alles Streben nach Glück, Erfolg, Sicherheit und Wohlergehen richten wir nicht mehr auf die heiligen Verbindungen, die solche Wünsche real befriedigen, sondern auf einen Stoff, der gar nicht mehr wirklich existiert. Auf das Geld! Mit ungeheurer Glaubenswut hält der süchtige Atheist im entwickelten Kapitalismus an der Realität des Geldes fest. Was einst nur Tauschmittel war und lange Zeit selbst aus wertvollen und seltenen Metallen (Gold und Silber) bestand, ist heute eine absolut irreale Größe geworden, die alle Bindungen an wirklich existierende Werte abgeschnitten hat. Das Tauschmittel ist selbst zur Ware geworden, und zwar zur einzigen, mit der man heute auf die Dauer wirklich Geld verdienen kann. Das liegt aber nicht an seinen lebenswichtigen Qualitäten, es hat keine. Die einzige Macht des Geldes, die es wirklich hat, ist in den Köpfen all derer, die an seine Realität glauben. Wir glauben an seine Allmacht. Wir glauben, mit Geld kann man alles erreichen. Wir glauben, unser Überleben mit Geld absichern zu können. Wir glauben, Erfolg könne nur im Geld gemessen werden. Wir halten eine befriedigende und sinnvolle Tätigkeit, mit der wenig oder kein Geld verdient wird, für weniger wert als eine unbefriedigende oder sinnlose Tätigkeit, mit der aber viel Geld verdient wird. Wir halten traumatisierende und schmerzhafte Zustände (meistens im Beruf) tatenlos aus, wenn wir als Schmerzensgeld ein sicheres Gehalt dafür beziehen. Wir halten Menschen, die kein hohes oder gar kein Gehalt beziehen, zumindest heimlich, für Versager. Wir halten Vollidioten oder Verbrecher, die weiß der Kuckuck wie an Geld gekommen sind, für Vorbilder. Wir glauben an die Allmacht und die jungfräuliche Geburt des stets sich selbst vermehrenden Geldes. Wir glauben an die Realität und moralische Vertretbarkeit solcher Regeln wie Zins, Zinseszins und ignorieren dabei deren räuberischen Charakter. Wir glauben, Geld zieht Geld an, weil wir sehen, wie mit Zinsen und Spekulationen Geld gemacht werden kann. In der Realität aber wird alles, was irgendwo hingezogen wird, woanders weggezogen. Jeder finanzielle Reichtum, der scheinbar so wertfrei sich bei einigen sammelt, basiert auf Raub bei anderen. Das Geld vermehrt sich nicht neutral, es wird bezahlt, meistens von denen, die nur wenig davon haben. Aber sie tun es, weil sie selbst an die Realität solcher Dinge wie Zinsen glauben. Wieviel an wirklichen Werten, an heiligen Verbindungen und Wurzelung in der Erde muß zerstört werden, um so ein Suchtverhalten und dem Glauben an etwas schlicht nicht Existentes aufzubauen? Und keine rationale Aufklärungskampangne wird daran etwas ändern. Aus der Suchttherapie weiß man, daß der Heroinsüchtige nur dann die Kraft hat, mit dem Suchtverhalten aufzuhören wenn er etwas findet, was stärker ist als sein Stoff, etwas wofür er wirklich leben will. 
Nur wenn es uns gelingt, die authentischen Sehnsüchte nach einem voll gelebten Leben wieder zu wecken, gibt es die Chance, aus dem Suchtglauben an die Realität der Wirtschaftswachstumsgesellschaft auszusteigen. Dieser Suchtglaube bei der Mehrheit der Menschen, auch und gerade bei denen die gar nicht davon profitieren, hält zur Zeit noch ein System am leben, was dabei ist, die gesamte Biosphäre zu ruinieren, zumindest aber etliche Spezies unwiderruflich auszurotten und die Erde vielleicht bald für Menschen unbewohnbar zu machen. Doch Anklagen und Frontalangriffe stärken das System nur. Ich glaube nur an einen langfristigen Erfolg, wenn wir subversiv sind und der alten Glaubenssucht etwas anbieten können, was dichter am inneren Kern der Menschen ansetzt. Die tiefenökologische Bewegung wird Erfolg haben, wenn sie Orte und Gemeinschaften vorweisen kann, wo Menschen ihre alte Suchtstruktur freiwillig in eine ganzheitliche Begegnung mit sich selbst, den anderen und der Erde transformieren. 

Das ist der Grund, warum wir nicht in die Institutionen gegangen sind, sondern Sommerland aufgebaut haben.

8. Der Weg nach Sommerland

Es ist Nacht geworden, der Wind hat sich gelegt. Ich sitze wieder in meinem Zimmer, unten sitzen die anderen noch singend und lachend im Kaminzimmer. Draußen höre ich hin und wieder ein Käuzchen rufen. Ich habe die letzten Kapitel nochmal überflogen und würde spätestens jetzt vom Leser die Frage erwarten "nun laß endlich die Katze aus dem Sack, wo sitzt du da eigentlich? Wo genau liegt Sommerland? Wie lange habt ihr darauf hingearbeitet? Wie lange gibt es das Dorf schon und wann schreibst du eigentlich?" Den aufmerksamen Leser wird nun vielleicht ein wissendes Lächeln anfliegen, den nicht ganz so aufmerksamen sei gesagt: ich werde den Ort jetzt und hier nicht nennen und auch den genauen Zeitpunkt nicht. Nur soviel: ich schreibe diese Geschichte im August. 
Und vielleicht noch ein paar unserer Vorüberlegungen vor dem Beginn der Geländesuche. Damals hieß es, Sommerland könnte liegen:

Zur zeitlichen Abfolge der Ereignisse nur so viel:

Einige von uns hatten schon einmal früher ein Gemeinschaftsprojekt geplant, es war gescheitert. Nur die wenigsten bringen zweimal im Leben den Mut und die Kraft auf, solch ein Versuch zu wagen, weil so einen Versuch dich wirklich alles kostet, was du geben kannst. Ich hatte drei gescheiterte Versuche hinter mir als ich zuerst auf die Werke von Dolores La Chapelle und die Tiefenökologie und dann auf ein paar "Veteranen" stieß, die gleich mir sowohl einschlägige Vorerfahrungen hatten, als auch noch das Feuer in sich spürten. Dann ging es los. Ein paar junge Ungestüme kamen dazu und nach zwölfmonatigem Gruppenprozeß waren wir handlungsfähig und bereit. Vier Monate später hatten wir das Land.

Unser Weg nach Sommerland zeichnete sich durch Folgendes aus:

- durch ein hohes Maß an Vorerfahrungen konnten wir uns einige Umwege sparen

- wir haben den Zielrahmen möglichst hochgesetzt und weit gespannt und damit die gemeinsame Absicht so verankert, daß wir in taktischen Schritten durchaus nicht immer einer Meinung sein mußten. Nur durch die Weite der Vision konnten wir es uns leisten, ganz klein anzufangen, ohne im Alltagssumpf der Anfangswidrigkeiten zu versinken.

- Die Zeit war reif dafür, die Erde braucht solche Plätze.

- Wir haben, als wir zu viert waren, einen Entschluß gefaßt, und davon nicht mehr abgelassen.

- Wir haben als Kerngruppe die Leitungsverantwortung behalten und neue Menschen möglichst ausführlich und umfassend in unsere Vision eingeführt, sodaß sie lange genug Zeit hatten, für sich zu klären, ob unser Weg auch wirklich ihr Weg sei, bevor wir sie mit allen Rechten in die Gemeinschaft aufgenommen haben.

- Wir waren zu anspruchsvoll für die, die einfach nur auf dem Lande leben, oder in irgendeine Gemeinschaft wollten.

- Wir haben niemanden im Dorf als festen Bewohner aufgenommen, der keine klare Versorgungsbasis hatte, das heißt man mußte entweder selber eine Firma mitbringen, oder bei einer im Dorf einen Job haben.

- Wir haben intern anfangs die Zinsen, später den Geldverkehr ganz abgeschafft.

- Wir haben uns weder auf Sympathie noch auf ein Konzept allein verlassen, sondern uns in langem Prozeß über beides vergewissert.

- Wir haben in der Aufbauphase keine "Sozialfälle" integriert. Erst als das Dorf eine ökonomische Mindestgröße erreicht hatte, haben wir neben unseren Kindern auch einzelne Erwachsene Personen bewußt und von der Gemeinschaft so gewollt als "Versorgungsfälle" akzeptiert.

- Wir haben nie behauptet, unser Weg sei der einzige, aber immer darauf geachtet, daß er der unsere blieb.

Das Käuzchen ist still geworden und auch die Menschen sind schlafen gegangen. Ich beende hiermit diesen ersten Bericht aus Sommerland. Es wird noch einige Details in den Anhängen in Teil zwei geben. Aber denen, die es immernoch genauer wissen wollen, sei gesagt, Zeit und Ort werden auch hier nicht beschrieben. Wendet euch, wenn das Interesse groß genug ist, an den Autor.

Gandalf Lipinski im August in Sommerland

© by Gandalf Lipinski
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